Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände

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Die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) war die zentrale Tauschstelle für Bibliotheken in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Sie bestand von 1953 bis 1959 in Gotha und anschließend bis zu ihrer endgültigen Auflösung 1995 in Berlin.

Geschiche

Die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände wurde vom Staatssekretariat für Hochschulwesen der DDR gegründet. Als Standort wählte das Staatssekretariat die frühere Herzogliche Bibliothek Gotha auf Schloss Friedenstein. Hier entstand im Frühjahr 1953 eine „Landesbibliothek Gotha. Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände“. Die Diskussionen um die Verwendung „herrenloser“ Bücher und Dubletten, um Raumnot und Büchermangel, die bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs auch unter ostdeutschen Bibliothekaren stattgefunden hatten, mündeten mit dieser Gründung in eine „zentrale Dublettentauschstelle“.

Die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände korrespondierte in ihrer Gothaer Zeit in der Frage der Übernahme und Abgabe von Büchern und Zeitschriften mit mehr als 170 Institutionen und Personen. Darunter befanden sich nicht nur wissenschaftliche, sondern auch allgemeine und öffentliche Bibliotheken, Fach-, Fachhoch- und Hochschulen, Archive, Verwaltungseinrichtungen und Volkseigene Betriebe (VEB). Es gab auch Kontakte und einzelne Abgaben von Büchern nach Westdeutschland, möglicherweise auch nach Indien, Syrien und Australien.[1] Ebenfalls bereits in die Frühzeit der ZwA fällt die Zusammenarbeit mit dem Antiquariatsbuchhandel.[2]

Als Arbeitsgrundlage hatte das Staatssekretariat für Hochschulwesen, Abteilung Wissenschaftliche Publikationen, Bibliotheken und Museen eine „Verordnung über die Erfassung und Verwertung von Altbeständen an wissenschaftlicher Literatur“ entworfen und im Februar 1953 diskutiert. Eine Beschlussfassung durch den Ministerrat der Regierung der DDR war vorgesehen, eine Maßnahme, die offenbar nicht umgesetzt wurde.

1959 wurde die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände von Gotha nach Berlin verlagert. Der Wissenschaftliche Beirat für die Fachrichtung Bibliothekswissenschaft beim Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen (SHF) hatte angeregt, die ZwA an der Deutschen Staatsbibliothek (DSB) anzusiedeln. Mit entsprechender Verfügung durch das SHF erfolgte diese Funktionsübertragung zum 1. April 1959. Eine von Kurt Brückmann, Sektorleiter im SHF, unterzeichnete Arbeitsordnung regelte ab 1959 Gegenstand und Aufgabenbereich der ZwA als einer Dienststelle mit zentraler Funktion, die „im Interesse der wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR ungenutzte wissenschaftliche Literatur zu erfassen und der Verwertung zuzuführen“ hatte. Die Zuweisung angeforderter Titel sollte dabei die Schwerpunktaufgaben, Sondersammelgebiete und Sonderfunktionen der anfordernden Bibliotheken berücksichtigen; zu beachten waren außerdem schwerwiegende Bestandsverluste. Im Bereich der Bibliotheken nicht verwertbare Bestände waren dem 1959 neu gegründeten Zentralantiquariat der DDR anzubieten.[3] Eine Makulierung von Altbeständen als dritte Möglichkeit der „Verwertung“ bedurfte einer Genehmigung durch die ZwA.

Zum 1. Oktober 1964 trat eine neue Arbeitsordnung der ZwA in Kraft, die von „Arbeitsrichtlinien für die Zusammenarbeit zwischen der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände und dem Zentral-Antiquariat der DDR, Leipzig“ flankiert wurde. Neben den Unterschriften von Kurt Brückmann trug diese die Unterschriften des Generaldirektors der DSB auf der einen, des Hauptdirektors der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels sowie der Direktorin des Zentralantiquariats der DDR auf der anderen Seite. Am 1. August 1965 erging die mit dem Minister für Finanzen der DDR abgestimmte „Anweisung Nr. 10/65 des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen über die rechtliche Regelung der Aussonderung von Bibliotheksbeständen“. Sie regelte die Zuständigkeit der ZwA nicht nur für von den Bibliotheken unbearbeitete Bestände. Die ZwA sollte nun auch für inventarisierte ausgesonderte Bestände verantwortlich sein, womit sich das Aufgabenfeld der ZwA erweiterte.

1976 erfuhren die Arbeitsrichtlinien der Zusammenarbeit zwischen ZwA und ZA eine Neuauflage. Eine Neuformulierung der Arbeitsordnung der ZwA hingegen wurde bis zum Ende der DDR nicht verabschiedet. Die Mitarbeiter der ZwA mussten damit leben, nur für Altbestände wissenschaftlicher Bibliotheken zuständig zu sein, nicht hingegen für Buchbestände außerhalb des Zuständigkeitsbereiches des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen (MHF). Im Umgang mit Bibliotheken im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Kultur der DDR sowie des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes blieb sie abhängig von deren gutem Willen. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass beispielsweise Stadtbibliotheken mit historischem Altbestand und Spezialbibliotheken wie die der Akademie der Künste bei Aussonderungen mit dem Zentralantiquariat der DDR zusammenarbeiten konnten, ohne die ZwA informieren oder einbinden zu müssen.

Bestände

Die von der ZwA anfangs verteilten Bücher stammten nach damaligem Sprachgebrauch von „Torso- und Gymnasialbibliotheken“, aus „unbearbeiteten Beständen“ der wissenschaftlichen Bibliotheken sowie aus „in allen Bereichen des öffentlichen Lebens brachliegenden und noch freiwerdenden wissenschaftlichen Bibliotheksbeständen“.[4]

Ihr „Freiwerden“ gründete in den gesellschaftlichen Umbrüchen, die nach dem 8. Mai 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) unter unmittelbarem Einfluss der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) eingeleitet und später in der DDR fortgeführt wurden. Befehle der SMAD zur Beschlagnahme und provisorischen Übernahme bestimmter Vermögen, darunter der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbindungen (Befehle Nr. 124/45 und Nr. 126/45 vom 30. bzw. 31. Oktober 1945), zur Übergabe des enteigneten und beschlagnahmten Eigentums in Besitz und Nutznießung der deutschen Selbstverwaltungen (Befehl Nr. 154/181 vom 21. Mai 1946), zur Rückführung evakuierter und Benutzung herrenloser Bibliotheken und Bücher (Befehl Nr. 249 vom 23. August 1946) setzten in großem Umfang „Bücherbewegungen“ in Gang.

Die enteigneten, beschlagnahmten, „herrenlosen“ Buch- und Zeitschriftenbestände stammten u.a. aus Dienstgebäuden, Auslagerungsorten und Bergungsstellen. Sie waren eine Begleit- und Folgeerscheinung der im September 1945 in Ostdeutschland durchgeführten, von KPD/SED vorangetriebenen Bodenreform. Veränderungen im Schulsystem zunächst der SBZ, später der DDR beeinflussten ihrerseits die Zusammensetzung von Schul- und Lehrerbibliotheken, beendeten die Existenz mancher Gymnasialbibliothek. Die sogenannten Torsobibliotheken setzten sich u.a. aus Beständen jener Bibliotheken zusammen, die im Zuge der Verwaltungsreform von 1952 ihren Status als Landesbibliotheken verloren hatten, was beispielsweise auf die ehemaligen Landesbibliotheken in Altenburg, Meiningen, Neustrelitz und Rudolstadt zutraf.

Unter all diesen Beständen befanden sich auch Bücher und Zeitschriften, die zuvor unter nationalsozialistischer Herrschaft aus rassistischen, ideologischen, weltanschaulichen oder sonstigen Gründen ihren Eigentümern geraubt, abgepresst, entzogen worden waren.

Arbeitsweise

Die Arbeitsweise, die in Gotha etabliert wurde, blieb in wesentlichen Punkten über die mehr als vier Jahrzehnte, die die ZwA insgesamt bestand, erhalten. Die ZwA Gotha nahm bei großen Beständen Sichtungen und Vorsortierungen direkt vor Ort, in den abgebenden Bibliotheken und Institutionen vor und leitete Teile dieser vorgesichteten Bestände unmittelbar vom abgebenden Ort an interessierte Institutionen weiter. Bei in der ZwA eintreffenden und dort bearbeiteten Beständen wurden knappe Titelaufnahmen für den Dienstkatalog angefertigt und dabei eine Nummer (sog. ZwA-Nummer) vergeben. Angeboten wurden die so verzettelten Exemplare je nach Profil der Empfängereinrichtung, stets allerdings zuerst der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (ÖWB) bzw. ab 1954 der Deutschen Staatsbibliothek (DSB), so die Bezeichnungen der Nachfolgeeinrichtung der Preußischen Staatsbibliothek (PSB) im Ostteil Berlins. Bei einer Abgabe verblieb der Durchschlag der Titelaufnahme im Dienstkatalog der ZwA, während die Originalkarte zusammen mit dem Buch abgegeben wurde.

Der Darstellung des ersten Leiters der ZwA Gerhard Pachnicke nach, folgte die Vergabe der ZwA-Nummern in Gotha dem Prinzip, mit ein oder zwei Buchstaben die Herkunft der Bände festzuhalten. Gezählt wurde nach numerus currens.[5] Einige wenige Karten, die sich aus der Gothaer Zeit der ZwA erhalten haben, scheinen dieses Prinzip zu bestätigen.

Auch in ihrer Berliner Zeit verzettelte die ZwA weiterhin die von ihr bearbeiteten und zu verteilenden Bücher, vergab ZwA-Nummern und trug diese in Buchexemplare ein. Die Titelkarten lehnten sich an dem Gothaer Muster an. Sie konnten handschriftlich sein; in der Regel allerdings wurden sie maschinenschriftlich erstellt. Insbesondere bei Zeitschriften arbeitete die ZwA außerdem mit Angebotslisten.

Die ZwA-Nummern, die auf den Karten und in den Buchexemplaren vermerkt wurden, folgten auch in Berlin einer Systematik, allerdings nahm diese nur noch punktuell auf die Herkunft der Exemplare Bezug. Seltene Beispiele hierfür sind Zusätze wie „Päd. Z.B.“ für Pädagogische Zentralbibliothek auf den erhaltenen Karten. Das Gängige war die Kombination von Großbuchstaben mit fortlaufenden Zahlenfolgen. Frühe Beispiele sind ZwA-Nummern wie A 127, vergeben für ein am 23. Juli 1960 der UB Leipzig angebotenes Buch. In den späten 1970er Jahren, wahrscheinlich ab dem letzten Quartal des Jahres 1977, begann man, die ZwA-Nummern mit einer knappen Zeitangabe zu kombinieren. Die Karten vermerkten nun nach einem Schrägstrich neben der Nummer Quartal und Jahr der Bearbeitung. Die letzten im ZwA-Dienstkatalog abgelegten Titelkarten datieren in die Mitte des Jahres 1990. Externe Beispiele belegen allerdings, dass zwischen 1991 und 1995 noch ZwA-Nummern mit den Buchstaben R, S, T und U Verwendung fanden und diese Bücher weitergegeben wurden.

Grundsätzlich bleibt zu bedenken, dass für Zeitschriften Sammelnummern vergeben wurden, dass es neben den üblichen ZwA-Nummern, die Buchstabe und laufende Zählung miteinander verbanden, ausschließlich aus Zahlen bestehende ZwA-Nummern gab, die bis zu fünf Ziffern umfassen konnten. Zudem wurde nur ein kleiner Teil der von der ZwA bearbeiteten Titel verzettelt. In den 1960er und 1970er Jahren wurden die auf den Karten festgehaltenen ZwA-Nummern häufig auch in die Bücher eingetragen. In der Regel geschah dies mit Bleistift in recht markanter Schreibweise im Vorsatz oder auf dem Titelblatt. Zunehmend entfiel dieser Arbeitsschritt (bereits seit 1968/1969), was die eindeutige Identifizierung von ZwA-Exemplaren aus dieser Zeit erschwert.

Provenienzmerkmale

Originalkarten / Angebotskarten

ZwA-Nummer im Buch mit Katalogkarte

ZwA-Nummer im Buch

Stempel

Ermittelte Exemplare

Quellen

  • Tiefenerschließung des Aktenbestandes "Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände" in der Staatsbibliothek zu Berlin: Datei:SBB-PK Akten DSB ZwA.pdf

Literatur

  • Dehnel, Regine: „Auch die Sammelgebiete der Nationalbibliotheken in den Volksdemokratien werden beachtet.“, in: O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal / Herausgeber VDB, Bd. 6, Nr. 4 (Dezember 2019), S. 98–119, DOI: https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H4S98-119.
  • Mälck, Andreas: Zum Wirken der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1989.
  • Neumann, Hannah: Die Weiterverteilung von NS-Raubgut nach 1945 und die Rolle der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände. Aktuelle Forschungsansätze in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, in: Literaturkritik 11 (2015). – Online-Publikation
  • Pachnicke, Gerhard: Die Arbeit an den wissenschaftlichen Altbeständen, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 68 (1954), S. 426–435.
  • Scheibe, Michaela: Geraubte und beschlagnahmte Buchbestände nach 1945. Neue Herausforderungen für Forschung und Erschließung, Vortrag auf dem 12. Symposium "Handschriften und Alte Drucke", 14.–16.11.2016 in Blaubeuren (bei Ulm). – Vortragsfolien als pdf-Datei
  • Schroeder, Werner: Internationalisierte Kulturgutverwertung. Die Beschaffungs- und Einkaufspolitik des Zentralantiquariats der DDR, in: Spuren suchen. Provenienzforschung in Weimar, hrsg. v. Franziska Bomski u.a., Göttingen 2018, S. 245–265.
  • Tröger, Sigrid: Die Geschichte der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 80 (1966), S. 415–425.

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Tröger, Sigrid: Die Geschichte der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 80 (1966), S. 415–425, hier S. 420.
  2. In einer am 9. Januar 1989 beim Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information der Humboldt-Universität zu Berlin eingereichten Diplomarbeit wurden die Abgaben der ZwA an das Zentralantiquariat der DDR für die Jahre 1960 bis 1987 mit 2.953.232 Bänden beziffert. Für den vorhergehenden Zeitabschnitt fehlen Gesamtzahlen, ein einzelnes Dankschreiben vom 23.9.1954 allerdings nimmt Bezug auf die Lieferung von 60.555 Bänden. Vgl. Mälck, Andreas: Zum Wirken der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände in Vergangenheit und Gegenwart. Berlin 1989, S. 44–47, hier insbesondere S. 44 und S. 47.
  3. Zur Rolle des Zentralantiquariats der DDR (ZA) und der Interaktion zwischen ZwA und ZA vgl. Schroeder, Werner: Internationalisierte Kulturgutverwertung. Die Beschaffungs- und Einkaufspolitik des Zentralantiquariats der DDR, in: Spuren suchen, Göttingen 2018, S. 245–265.
  4. Pachnicke, Gerhard: Die Arbeit an den wissenschaftlichen Altbeständen, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 68 (1954), S. 426–435, hier S. 429.
  5. Pachnicke, Gerhard (1954), S. 433.