Sozialwissenschaftliches Archiv (Berlin)

Aus ProvenienzWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Sozialwissenschaftliche Archiv (nicht zu verwechseln mit dem 1974 gegründeten Sozialwissenschaftlichen Archiv Konstanz (SAK)) wurde zur Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung des 1924 gegründeten Instituts für Sozialforschung von Eduard Fuchs eingerichtet. Das Archiv mit Sitz in Berlin hatte die Aufgabe sämtliche tagesgeschichtliche Materialien der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bewegungen der Gesellschaft zu sammeln, zu sichten und bereitzustellen.

Geschichte

Neben Archiv und Bibliothek in Frankfurt am Main plante die Gesellschaft für Sozialforschung als Träger des Instituts für Sozialforschung, bereits 1922 ein weiteres Archiv in Berlin zu gründen. Die Einrichtung des Archivs gelang schließlich erst im Jahr 1924 unter der Leitung von Eduard Fuchs. Im Jahr 1925 belief sich der Umfang der Sammlung auf etwa 15.000 bis 20.000 Dokumente. Dazu zählte auch sogenanntes „illegales Material“ , das heißt verbotene Zeitschriften, Zeitungen und Plakate.[1]

Für das Sozialwissenschaftliche Archiv erwarb Fuchs von dem Landtagsabgeordneten Wilhelm Pieck einen Teil der KPD-Bibliothek.[2] Das lässt sich auch in den Provenienzmerkmalen in einigen Büchern aus dem Sozialwissenschaftlichen Archiv nachvollziehen: Der Stempel “Sozialwissenschaftiches Archiv Erworben von” mit Bezug auf den Stempel "Zentrale der K.P.D. Bücherei" weist auf diese Verbindung hin.[3] Das lieferte im Jahr 1925 die Grundlage für den Vorwurf und die Anschuldigung, das Sozialwissenschaftliche Archiv sei ein geheimes Archiv der KPD. Am 9. Oktober 1925 folgten eine polizeiliche Durchsuchung des Archivs und Verhaftungen von Mitarbeitern. Da die Gesellschaft für Sozialforschung in Frankfurt für sich in Anspruch nahm, nicht in das tagespolitische Geschehen und Parteiangelegenheiten involviert zu werden, wurde im November 1925 die Auflösung des Sozialwissenschaftlichen Archivs eingeleitet. [4] Die Bibliotheksbestände des Archivs wurden an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main übergeben. Um Konflikte mit der KPD zu vermeiden, beabsichtigte man, den von der KPD erworbenen Bibliotheksbestand zurückzugeben, soweit Dubletten in der Institutsbibliothek vorhanden waren.[5]

Unter dem NS-Regime wurde wiederum im März 1933 das Institut für Sozialforschung von der Frankfurter Kriminalpolizei geschlossen und der Bibliotheksbestand beschlagnahmt und verteilt. Die politisch unbedenklichen Materialien des Instituts wurden unter den Institutsbibliotheken der Frankfurter Universität aufgeteilt. Der als „zersetzend und staatsfeindlich“ eingestufte Bestand des Instituts für Sozialforschung wurde an die Preußische Staatsbibliothek überstellt.

Provenienzmerkmal

Ermittelte Exemplare

Über die beschlagnahmten Bestände der Bibliothek des Instituts für Sozialforschung gelangten in den 1930er Jahren mindestens zwei Bände, die ursprünglich aus dem Sozialwissenschaftlichen Archiv in Berlin stammten, in den Bestand der Preußischen Staatsbibliothek (heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz). Ein Band wurde bereits am 9. August 2018 an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt restituiert.


In die Universitätsbibliothek der FU Berlin gelangten vermutlich aus dem Depot des Reichssicherheitshauptamtes zwei Bände mit der Provenienz des Sozialwissenschaftlichen Archivs aus der Bibliothek des Instituts für Sozialforschung. Beide Bände wurden im April 2015 bzw. Mai 2018 restituiert.

Ein Teil des Archivmaterials aus dem Sozialwissenschaftlichen Archiv in Berlin mit Flugblättern, Zeitungen und Zeitschriften, Broschüren, Plakaten etc. gelangte nach 1945 in das Zentrale Parteiarchiv der SED und ist heute im Bundesarchiv als Bestand der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR zugänglich.[6]

Siehe auch

Quellen

  • Archiv des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt/Main, in: BArch RY 22 Online-Findmittel

Literatur

  • Detlef Brunner, Das Sozialwissenschaftliche Archiv in Berlin: Ein Beitrag zur Geschichte der „Sammlung Universität Frankfurt“, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 28.1 (1992), S. 62–76.
  • Barbara Kontny, Eduard Fuchs (1870–1940), in: Günter Benser, Michael Schneider (Hrsg.), Bewahren – Verbreiten – Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung, Bonn 2009, S. 77–83. Online-Version
  • Michaela Scheibe, Friederike Willasch, Sozialistica in der Preußischen Staatsbibliothek – eine Spurensuche, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 5 (2019), S. 214–224. [hier S. 220]

Anmerkungen

  1. Vgl. Brunner, Das Sozialwissenschaftliche Archiv, S. 65ff.
  2. Vgl. Kontny, Eduard Fuchs, S. 79; Brunner, Das Sozialwissenschaftliche Archiv, S. 66.
  3. Vgl. zum Beispiel http://lootedculturalassets.de/index.php/Detail/Object/Show/object_id/246615.
  4. Vgl. auch Martin Jay, Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923–1950. Frankfurt a. M. 1976, S. 29.
  5. Kontny, Eduard Fuchs, S. 82; Brunner, Das Sozialwissenschaftliche Archiv, S. 68ff.
  6. Vgl. BArch RY 22.

GND-Normdaten