Rudolf Mosse

Aus ProvenienzWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rudolf Mosse (* 8. Mai 1843 in Grätz, Provinz Posen; † 8. September 1920 in Schenkendorf bei Königswusterhausen) war ein deutsch-jüdischer Verleger und Inhaber eines Zeitungsimperiums.

Leben

Rudolf Mosse wurde in Grätz bei Wollstein (Provinz Posen) in die kinderreiche Familie des Arztes Marcus bzw. Moses hineingeboren, er hatte 13 Geschwister. Aus Geldmangel konnte Rudolf Mosse nur bis zum 15. Lebensjahr das Gymnasium in Lissa besuchen, danach begann er in Posen eine Buchhändlerlehre. Seit 1861 arbeitete er in Berlin im Wäschegeschäft seines Bruders Salomon und wechselte schließlich ins Verlagsgeschäft. Ende 1864 zog er nach Leipzig und arbeitete bei Robert Apitsch, dem Herausgeber der "Gartenlaube". Mosse erkannte frühzeitig das Potenzial illustrierter Zeitschriften als Werbeträger und initiierte eine Annoncenbeilage für die "Gartenlaube". Nach großen Erfolgen als Verlagsvertreter und Akquisiteur von Anzeigenkunden wagte er den Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit. Er gründete 1867 in Berlin eine "Zeitungs-Annoncen-Expedition", die bald die Gestaltung gesamter Anzeigenteile auf dem rasch wachsenden Zeitungsmarkt (im sog. Pachtsystem) übernahm. Neben seiner bald zahlreiche Zweigstellen im In- und Ausland umfassenden Annoncen-Expedition baute Mosse einen der größten deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage auf. Der liberal-konservative Geschäftsmann veröffentlichte unter anderem auch das legendäre „Berliner Tageblatt“, das bis 1933 zur größten liberalen Zeitung Deutschlands avancierte.

1873 hatte Rudolf Mosse in Trier die Kaufmannstochter Emilie (1851-1924) geheiratet, deren Vater Benjamin Loewenstein in Aachen ansässig war. Das kinderlose Ehepaar adoptierte Felicia Marx, eine natürliche Tochter Mosses. Die Erträge von Mosses Unternehmungen bildeten den Grundstock für ein großes Privatvermögen, das u.a. drei Rittergüter und das am Leipziger Platz im neobarocken Stil errichtete, aufs prachtvollste ausgestattete und 1885 bezogene Mosse-Palais umfasste. Mosse entfaltete gleichzeitig eine umfangreiche soziale Stiftungstätigkeit: Zusammen mit seiner Frau gründete er die „Emilie- und Rudolf Mosse-Stiftung“, ein Erziehungsheim für Waisenkinder, später ein Lehrlingsheim. Damals einzigartig im deutschen Zeitungswesen war die 1892 von ihm gegründete Pensionskasse für seine Angestellten. Nach der Revolution von 1918, die auch die Besetzung des Verlagshauses mit sich brachte, zog sich Mosse von der Geschäftsleitung zurück. Nach seinem Tod übernahm sein Schwiegersohn Hans Lachmann-Mosse (1885–1944) die Verlagsleitung, Erbin seines Vermögens war seine Adoptivtochter Felicia Lachmann-Mosse (1888–1972).

Für die Nationalsozialisten war die Familie Mosse ein Symbol der verhassten „jüdischen Presse“. Sie wurde unmittelbar nach der Machtübernahme wegen ihres jüdischen Glaubens und auch wegen ihrer politischen Haltung verfolgt. Felicia und Hans Lachmann-Mosse emigrierten noch in der ersten Jahreshälfte 1933 über Frankreich in die Vereinigten Staaten.
Die Nationalsozialisten gründeten kurz darauf - ohne Zutun der Mosses - eine bald wieder aufgelöste „Rudolf Mosse Stiftung GmbH“. Der Mosse-Konzern wurde in ein Vergleichsverfahren getrieben. Den Lachmann-Mosse-Besitz „verwaltete“ und „verwertete“ sodann die "Mosse-Treuhandverwaltungs-GmbH“, die Immobilien übertrug der NS-Staat eigenen Institutionen wie Hans Franks „Akademie für deutsches Recht“, der wertvolle Kunstbesitz wurde 1934 versteigert.

Bibliothek

Inwieweit der Geschäftsmann Rudolf Mosse eine von ihm genutzte Gebrauchsbibliothek besaß, kann derzeit nur vermutet werden. Als Buchbesitz Mosses nachweisbar ist lediglich die von ihm als Siebzigjährigem erworbene Bibliothek Erich Schmidt. Der Antiquar Martin Breslauer war nach dem Tod des Lessing- und Goethe-Forschers Erich Schmidt mit dem Verkauf seiner Sammlung befasst und verkaufte die Bibliothek 1913 geschlossen an Rudolf Mosse. Nicht bei dieser Sammlung verblieb die Autographen-Sammlung Erich Schmidts, die 1914 durch Martin Breslauer auf den Markt gebracht wurde.
Mosse ließ die Bibliothek im Erdgeschoss seines Palais am Leipziger Platz 15 aufstellen und machte sie ab März 1914 an vier Tagen der Woche für jeweils zwei Stunden unter Auf­sicht öffentlich zugänglich. Als Bibliothekar engagierte er Hans von Müller. Ob das vierbändige maschinenschriftliche "Verzeichnis der Büchersammlung Rudolf Mosse <früher Univ.-Prof. Erich Schmidt>" aus dieser Zeit stammt oder erst beim späteren Verkauf der Sammlung entstand, ist noch ungeklärt.
Nach der Einziehung des Privateigentums der Familie im NS-Regime erfolgte seit 1934 der Weiterverkauf der Bücher über verschiedene Antiquariate, wobei vor allem die Provenienz Schmidt betont wird.
Beteiligte Antiquariate:

  • Buchhandlung Sophie Szczepanski, Berlin-Charlottenburg (Verkäufe „aus der Bibliothek Erich Schmidt“ an die PSB im Okt./Nov. 1934)
  • Wertheim-Antiquariat und Antiquar Friedrich Korn, Berlin (87 Titel im gemeinsamen Katalog 1934)
  • Antiquariat Bücherwurm, Berlin (Katalog 1935)
  • Antiquariat Agnes Straub, Berlin (Kataloge 83, 86-89 aus den Jahren 1935-1936 sowie Katalog 112, ca. 1940)

Mosse-Album
Eine Ausnahme als persönliches Geschenk an Rudolf Mosse bildet das 1913 anlässlich seines 70. Geburtstages zusammengetragene Album amicorum.
Nach der Enteignung der Familie wurde dieses mit zahlreichen Originalfotografien, Zeichnungen, Aquarellen und handschriftlichen Gratulationen ausgestattete Werk vom Antiquariat Agnes Straub erworben, das bis 1945 hieraus mehrfach Blätter einzeln als Autographen anbot und verkaufte, so dass dieses Album heute nur noch unvollständig erhalten ist.
Über den Verkauf der Restbestände aus dem Antiquariat Straub gelangten 1952/1953 "242 Fotos aus Sammlung Rudolf Mosse (Autographen)" an die Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek und wurden 1966 schließlich in der Handschriftenabteilung unter der Signatur Alb. amic. 141 akzessioniert.
Das Alb. amic. 141 enthält noch 136 Blatt mit 263 der ursprünglich wohl 302 Beiträge. Je zwei Bögen sind zu einem Blatt (als recto- und verso-Seite) zusammengebracht und insgesamt mit Goldschnitt versehen. Es fehlen 39 Beiträge (16 vollständige Blatt und 7 einzelne recto- oder verso-Seiten, darunter 9 Zeichnungen/Aquarelle/Kompositionen etc.). Die ebenfalls 1913 von der Redaktion herausgegebene Druckausgabe des Albums (nur die Texte und Hinweise auf Zeichnungen etc.) erlaubt eine Rekonstruktion der fehlenden Gratulationen und enthält auch eine Abbildung des Einbands (vermutlich handelte es sich um zwei nicht erhaltene Klemmmappen).
Leider konnte die ursprüngliche, vermutlich grob alphabetische Reihenfolge der heute losen Blätter nur in gewissem Maße rekonstruiert werden, da sie im Laufe der Zeit offensichtlich verändert wurde. Auch die Druckausgabe lässt keinen verlässlichen Rückschluss auf die originale Beitragsabfolge zu. Ein beiliegendes, vermutlich nach 1966 erstelltes maschinenschriftliches Verzeichnis listet die zu diesem Zeitpunkt noch im Original vorliegenden Namen der Gratulanten in alphabetischer Reihenfolge auf. Diese Reihenfolge entspricht weitestgehend der damals hergestellten Ordnung der Blätter.

Darüber hinaus ist ein Emilie Mosse 1889 von Paul Lindau gewidmetes Autorenexemplar identifiziert worden, das sich wohl ebenfalls im Mosse-Palais befunden haben dürfte.

Lindau Paul Widmung DE-1 33MA12016.jpg

Kunstsammlung

Die bedeutende Kunstsammlung Rudolf Mosses am Leipziger Platz war der Öffentlichkeit zugänglich (Mosse-Galerie). Nach der Einziehung des Privatvermögens der Familie Mosse 1934 wurde der wertvolle Kunstbesitz überwiegend in den Auktionshäusern Rudolph Lepke und Union versteigert, zum Teil wohl auch einzeln verkauft.
2017 wurde die Mosse Art Research Initiative (MARI) als Kooperationsprojekt zwischen der Erbengemeinschaft der Familie Rudolf Mosse und der Freien Universität Berlin gestartet. Ziel von MARI ist es, diese umfangreiche Kunstsammlung zu rekonstruieren und zu erforschen, wo sich die von den Nationalsozialisten entzogenen Werke gegenwärtig befinden.

Provenienzmerkmale

Für den Buchbesitz Rudolf Mosses sind keine von ihm selbst hinterlassenen Provenienzspuren bekannt. Typisch für die im Mosse-Palais am Leipziger Platz aufgestellte Bibliothek Erich Schmidt sind das 1896 von Georg Otto geschaffene Exlibris mit Goethes Gartenhaus und weitere Schmidt zuzuordnende Merkmale.

Restitutionen

  • Im Februar 2015 wurden acht Kunstwerke aus der Kunstsammlung Mosse von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Erben von Rudolf Mosse übergeben.
  • Am 8. Juli 2020 erfolgte die Restitution des Album amicorum zusammen mit den bisher im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin identifizierten 45 Bänden aus der von Rudolf Mosse erworbenen "Bibliothek Erich Schmidt" an die Erben.

Ermittelte Exemplare

SB Berlin und ZwA
Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1934, S. 27.: „Aus der auf den Markt gekommenen Bibliothek Erich Schmidts wurden über 100 Werke erworben. Unter ihnen ragen hervor von Goethe selbst veranlaßte Einzeldrucke einiger seiner Gedichte, Werke von Lenz, Wagner und Mahler Müller, Kleists Penthesilea mit dem vorläufigen Titelblatt (Dresden o. J.) und einer eigenhändigen Widmung, die Musikbeilage zur ersten Ausgabe von Mörikes Maler Nolten. Zu erwähnen ist auch der Korrekturabzug des Vorwortes zu Band 11-14 der Gesammelten Schriften Storms vom Jahre 1882…“.

1974 wurden 1.000 Bände aus der Bibliothek Erich Schmidt, die als Restbestand an die Christian Weise Bibliothek Zittau gelangt waren (wie ist ungeklärt), von der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) übernommen, aufgearbeitet und vermutlich weiter vermittelt.[1]

Bibliothek der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin

Landesarchiv Berlin
Autographensammlung Rudolf Mosse (723 Schreiber und 3537 Briefe sowie Post- und Visitenkarten), eher ein Briefnachlass Mosses.[2]

Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Büchersammlung Rudolf Mosse (Reste des Verkaufs).[3] Unter der Signatur Cd 33x „Verzeichnis der Sammlung… Werke von Goethe, Schiller und Lessing in Erstausgaben“ (vermutlich = Bd. 4 des maschinenschriftl. Kataloges?).

Zu erwähnen ist hier außerdem die Rudolf-Mosse-Stiftung mit 10.000 RM aus Anlass der Gründung der Stadtbibliothek, über die zahlreiche Erwerbungen finanziert wurden. Außerdem umfasste die Stiftung 2.000 Bände zur Geschichte des Zeitungswesens. Die aus Stiftungsgeldern erworbenen Bände wurden mit dem von der Stadtbibliothek in Auftrag gegebenen Exlibris Aus der Rudolf-Mosse-Stiftung gekennzeichnet.

SLUB Dresden
Aus dem von der ZwA ab 1974 verteilten Restbestand gelangten auch Exemplare in die SLUB Dresden.

Weitere mit der Provenienz Erich Schmidt erschlossene Exemplare:

Kataloge

Autographensammlung Erich Schmidt 1913/14

  • Katalog Martin Breslauer 27: Autographensammlung aus dem Besitz von Erich Schmidt nebst seiner Bildersammlung zur deutschen Literaturgeschichte, Berlin 1914.

Büchersammlung Rudolf Mosse (i.e. Büchersammlung Erich Schmidt)

  • Verzeichnis der Büchersammlung Rudolf Mosse <früher Univ.-Prof. Erich Schmidt>, [Berlin], [undatiert, 1934?], Bd. 1-4 [Masch.]. - Bd. 1-3 insgesamt 584 Bl. (ca. 7.000 Einträge) sowie Bd. 4 mit 71, 24, 16 Bl. zu Lessing, Goethe und Schiller (ca. 1.300 Einträge). Digitalisat. - Bearbeiter/Hrsg. unbekannt [eventuell nach 1913/14 im Auftrag von Rudolf Mosse erstellt?]. Zugang des Katalogs an die PSB: 19. Juni 1935 von Sophie Szczepanski, Buchhandlung Berlin-Charlottenburg (Zugangsnummer D 1935.737).
  • Kostbarkeiten der deutschen Literatur aus der Bibliothek Erich Schmidt [Antiquariatskatalog]. - Berlin, Wertheim Antiquariat gemeinsam mit Antiquar Friedrich Korn, [1934]. - 31 S. - Zusatz auf der letzten Seite: „Die Bibliothek Erich Schmidt enthält etwa 10.000 Bde Deutsche Literatur und Germanistik: Bei Angabe von Desideraten erfolgen Angebote bereitwilligst.“
  • Deutsche Literatur, Literatur- und Theatergeschichte, z.T. a.d. Besitz des Germanisten Erich Schmidt, Berlin, Bücherwurm 1935 (Kat. 164).
  • 1000 Seltenheiten aus den Bibliotheken und Sammlungen Prof. Erich Schmidt, Dr. Arnold Reimann und aus anderem Besitz, Berlin, Agnes Straub, 1935 (Kat. 83).
  • Originalausgaben deutscher Dichtungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine erlesene Bibliothek [aus dem Besitz von Erich Schmidt und später Rudolf Mosse], welche fast alle großen und begehrten Seltenheiten der deutschen Literatur aufweist, 3 Bände, Berlin, Agnes Straub [ca. 1935] (Kat. 86).
  • Deutsche Literatur … Goethe-Literatur aus der Bibliothek Erich Schmidt, Berlin : Agnes Straub [ca. 1936] (Kat. 87).
  • Deutsche Literatur. Literaturwiss. Teil der Bibliothek Prof. Erich Schmidt, Berlin, Agnes Straub [ca. 1936] (Kat. 88).
  • Deutsche Litera­tur. Literaturwiss. Teil der Bibliothek Prof. Erich Schmidt, Teil II, Berlin, Agnes Straub [ca. 1936] (Kat. 89)

Kunstsammlung Rudolf Mosse

  • Kunstsammlung Rudolf Mosse, Berlin [Ausstellung und Versteigerung in der Galerie Mosse. Versteigerung: Dienstag, den 29. Mai, Mittwoch, den 30. Mai], Berlin 1934 (Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus Katalog Nr. 2075). Digitalisat

Sonstige gedruckte Quellen

  • Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1934, S. 27.

Literatur

  • Roland Folter: Deutsche Dichter- und Germanistenbibliotheken, Stuttgart 1975, S. 177f.
  • Elisabeth Kraus: Die Familie Mosse. Deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.
  • Hans-Henning Zabel: "Mosse, Rudolf", in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 213-216. Online-Version
  • Sabine Knopf: Berliner Verleger als Sammler, in: Imprimatur N.F. 21.2009, S. 225-258, hier S. 237-240.
  • Georg Jäger (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 1: Das Kaiserreich, Berlin 2010, S. 224f.
  • Michael Bienert, Elke Linda Buchholz: »... so frei von aller lokalen Begrenzung«. Reklamegeschäft und Sammellust: Der Verleger Rudolf Mosse, in Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 50.2014, S.152-173. Online-Ausgabe
  • Rüdiger Haufe: Bücher aus der Bibliothek Erich Schmidt, in: Supralibros 22 (Nov. 2018), S. 7-9. Online-Ausgabe
  • Simon Renkert: Album Amicorum Rudolf Mosse – 70. Geburtstag, Berlin 2020. Online-Beitrag im MARI-Portal

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. SBB PK, Akten DSB, ZwA 4,129.
  2. Knopf, Verleger, S. 238.
  3. Knopf, Verleger, S. 238.