Protokoll vom 23.8.2007

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Deutscher Bibliotheksverband

AG Handschriften und Alte Drucke

UAG: Provenienzforschung und Provenienzerschließung

Konstituierende Sitzung am 23.8.2007 in Marburg




Prolegomena

Die Einrichtung der UAG Provenienzforschung und Provenienzerschließung geht zurück auf einen Beschluss der DBV-AG Handschriften und Alte Drucke auf der Sitzung am 12.3.2007 in der HAB Wolfenbüttel. Aus dem Protokoll: „Provenienzerschließung: Vor dem Hintergrund der Diskussion um Raubgut kommt diesem Punkt besondere Bedeutung zu, doch im Kontext der AG soll es vor allem um Altbestände gehen. Das Weimarer Modell wird allgemein akzeptiert. Hier soll jedoch geklärt werden, wie eine bibliotheksübergreifende Recherche zu ermöglichen ist und in welcher Form die Provenienzerschließung z.B. unter Aleph zu verwirklichen ist.“ Herr Feldmann wurde gebeten, die UAG zusammenzustellen und die konstituierende Sitzung vorzubereiten.

Als Mitglieder konnten gewonnen werden:

  • Herr Dr. Bernd Reifenberg (UB Marburg)
  • Frau Michaela Scheibe (SB Berlin)
  • Herr Dr. Jürgen Weber (HAAB Weimar)
  • Herr Reinhard Feldmann (ULB Münster)

Die konstituierende Sitzung erfolgte am 23.8.2007 in der UB Marburg. Hier wurde Frau Scheibe zur Sprecherin gewählt. [Nachtrag: Auf der Sitzung der DBV-AG HAD am 31.3.2008 in der SUB Göttingen wurde Frau Annelen Ottermann (StB Mainz) als weiteres Mitglied in die UAG berufen.].

Die Vorgaben für die Sitzung waren zum einen bestimmt durch das „Warum?“:

  • Übersicht über die Raubgut-Projekte
  • Ermöglichen der Rekonstruktion historischer Sammlungen oder Zeitschnitte innerhalb der Sammlungen (z.B. Westfälische Zeit der UB Marburg, Lessings Bibliothekariat in Wolfenbüttel)
  • Ermöglichen der Rekonstruktion verlorener (oder verwischter) Sammlungen innerhalb größerer Bibliotheken (Sammlungen individueller Personen oder Korporationen)

Hierzu bieten sich nur die Möglichkeiten der Verbünde an, obwohl diese zur Zeit sehr unterschiedlich auf die Bedürfnisse und Anforderungen im Bereich „Altes Buch“ reagieren: Relativ offen und konstruktiv der GBV mit seiner Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke und HeBIS, sehr restriktiv der HBZ-Verbund. Als Alternative kamen Meta-Suchmaschinen in die Diskussion.

Folgende Themen wurden (notwendigerweise in der gebotenen Knappheit) im Einzelnen behandelt:


Berichte aus den Bibliotheken

  • HAAB Weimar (Dr. Jürgen Weber): Die HAAB Weimar ist vermutlich bundesweit am weitesten fortgeschritten bei der Verzeichnung ihrer Provenienzen im GBV-Verbund. Zur Zeit sind die Provenienzen von ca. 60.000 Drucken erfasst. Dies ist im laufenden Geschäftsgang durch Autopsie geschehen, vor allem bei Projekten (VD 17, Nietzsche). Dadurch ist kein besonderes Provenienzprojekt entstanden, aber eine gehörige Mengenverzeichnung. Hervorhebung verdienen der Thesaurus mit kontrolliertem und standardisiertem Vokabular, die Konkordanz zum Provenance-evidence-Thesaurus und die Dreisprachigkeit (deutsch – englisch – französisch) des Weimarer Thesaurus. Hingewiesen wurde ferner auf die Empfehlungen der AAD beim GBV. Leider wurde der Antrag auf Erstellung eines Provenienzportals (DFG-Antrag) negativ beschieden. Literatur (s. unten).
  • SB Berlin (Michaela Scheibe): Die Provenienzen der antiquarisch erworbenen Bände sowie der Projekte (VD 16, VD 17 sowie ST 16) werden seit 2004 nach dem Weimarer Modell an der SB Berlin im GBV erfasst (zur Zeit etwa 7.000 Datensätze, weitere 7.000 Datensätze in der Kommentarkategorie). Darüber hinaus gibt es Informationen zu den 20.000 als Nazi-Raubgut verdächtigen Bänden. Des Weiteren gibt es Projekte zur retrospektiven Erfassung einzelner Provenienzen sowie zur Digitalisierung der Akzessionsjournale. Wichtig erscheint, eine PND der Vorbesitzer einzurichten und für die Katalogisierung im Verbund vorzuhalten (mit images).
  • UB Marburg (Dr. Bernd Reifenberg): Besonders für die westfälische Zeit (1807-1813), die „schönste Zeit“ der UB Marburg, häufen sich derzeit die Anfragen von Seiten der Fachwissenschaft. Sie zielen vor allem auf die Rekonstruktion von Klosterbibliotheken (Corvey, Helmstedt, Lucklum etc.). Das zweite große Projekt zielt vor allem auf die Restitution von Nazi-Raubgut. Dieses Projekt (mit einer insulären Lösung unter HANS-allegro) zielt nicht auf bibliographische Genauigkeit, sondern verzeichnet alles Wissenswerte in einer einzigen Datenbank: Alle handschriftlichen Vermerke, auch Widmungen etc. wurden gescannt. Die Datenbank erlaubt verschiedene Ausgaben: Register der Lieferanten und Vorbesitzer, aber auch chronologische und geographische Register. Noch ist keine Meldung an die Lost-art-Datenbank erfolgt. Hinzuweisen bleibt auf einen relativ hohen Personalbedarf. Literatur (s.unten).
  • ULB Münster (Reinhard Feldmann): Bisher finden in Nordrhein-Westfalen nur insuläre Lösungen statt. Die Verbundebene soll aber baldmöglichst eingeschaltet werden. Erfreulich ist, dass bei allen Projekten der Abt. „Historische Bestände in Westfalen“ die Provenienzen verzeichnet wurden (allerdings nicht im HBZ-Verbund).


Diskussion

  • Herr Weber weist auf die Reste bislang unverzeichneter, beschlagnahmter Arbeiterbibliotheken in der HAAB Weimar hin, außerdem auf zahlreiche werke aus jüdischem Vorbesitz. Gleichzeitig regt er an, bundesweit eine Übersicht zu erstellen, um zu eruieren, wo Provenienzdaten erfasst sind.
  • Herr Feldmann beurteilt die Situation innerhalb der Verbünde, insbesondere innerhalb der Aleph-Verbünde, skeptisch. Was ist sinnvoller? Recherche innerhalb der Verbünde oder eine verbundübergreifende Metadatensuche?
  • Zunächst soll der Ansatz der beiden Verbünde GBV und HeBIS weiterverfolgt werden.
  • Es sollen „Empfehlungen für die Verzeichnung und Erschließung von Provenienzen“ erarbeitet werden. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Bibliotheken, die nicht den Verbünden angehören.
  • Ein Normdatenpool (incl. PND-Nutzung) sollte bereitgestellt werden, der CERL-Thesaurus muss geprüft werden.


Aus der umfänglichen Literatur hier nur die wichtigsten Titel bzw. Websites


Weiteres Vorgehen

Das nächste Treffen ist für den 21.5.2008 (evtl. 22.5.2008) in der SB Berlin vorgesehen.


Münster, 2.4.2008 Reinhard Feldmann