Israelitische Kultusgemeinde (Wien), Bibliothek

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Geschichte

Die Anfänge der Bibliothek der jüdischen Gemeinde Wiens gehen auf eine Schenkung des niederösterreichischen Buchdruckers Anton Schmidt im Jahr 1814 zurück.
Zunächst war die Bibliothek in der Seitenstettengasse 4 untergebracht, 1906 zog sie in das erste Stockwerk des Gemeindehauses in der Ferdinandstraße 23, wo sie sich auch 1938 noch befand.
Zum Umfang des Druckschriftenbestandes im Jahr 1938 gibt es in den Quellen und in der Literatur unterschiedliche Angaben, vermutlich handelte es sich um ca. 33.800 Bände in mehreren Sprachen sowie 3.000 Zeitschriftenbände. Die Bibliothek besaß viele Kostbarkeiten, so 41 hebräische Inkunabeln, 625 Handschriften und zahlreiche wertvolle und seltene Drucke.

Bedeutende Vorprovenienzen:

  • Bibliothek des Bibliographen und Sammlers S. J. Halberstam in Bielitz (Inkunabeln, Erstausgaben, Rara)
  • Bibliothek des Rabbiners Nachum B. Friedmann, gest. 1871 in Wien (ca. 1000 Bände)
  • Handschriften der Israelitisch-Theologische Lehranstalt (ITLA, 1926 erworben)

Das Wissen um den Verbleib der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) sowie diverser jüdischer Vereine nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 ist bis heute nur bruchstückhaft. Es ist davon auszugehen, dass die Bibliotheken der jüdischen Vereine in den Monaten nach dem „Anschluss“ in das Haupthaus der IKG Wien transferiert worden sind. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde die Bibliothek der IKG Wien und dieser jüdischen Vereine von der Gestapo sichergestellt und versiegelt. Danach wurden die Bücher zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt zwischen 1939 und 1941 in Kisten verpackt und aller Wahrscheinlichkeit nach auf Anordnung von Adolf Eichmann in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin verbracht.

Als gesichert gilt, dass zumindest Teile der Bibliothek der IKG Wien im Zuge der RSHA-Evakuierungen aufgrund von alliierten Luftangriffen auf Berlin im Jahr 1943 nach Niederschlesien und Nordböhmen ausgelagert wurden, andere Teile dürften jedoch in Berlin verblieben sein. Teile der Bestände - möglicherweise auch in Wien verbliebene Bestände - sind trotz der Vernichtung großer Teile der RSHA-Bestände in der Eisenacher Str. erhalten geblieben. Bislang konnten jedoch nur Bruchteile der ehemaligen Gemeindebibliothek und der jüdischen Vereinsbibliotheken nach 1945 wieder aufgefunden werden.

1992 überließ die Israelitische Kultusgemeinde ihre Bibliothek als permanente Leihgabe dem Jüdischen Museum der Stadt Wien. Sie wurde 1994 als Abteilung des Wiener Jüdischen Museums im ehemaligen Festsaal der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wiedereröffnet.

Rechtsnachfolge

Am 16. Juni 1945 wurde die IKG Wien mit Erlass des Staatsamtes für Volksaufklärung, Unterricht und Erziehung wiedererrichtet. Damit bestand die IKG wieder als öffentlich-rechtliche Körperschaft auf Grund des Gesetzes von 1890. Das jüdische Leben und ihre Träger wurden nach 1945 jedoch nur zu einem sehr kleinen Teil wieder errichtet. Geklärt werden musste daher in der Folge die Rechtsnachfolge für die aufgelösten Stiftungen, Vereine und sonstigen ehemaligen jüdischen Einrichtungen.

Jene Fälle, in denen die während der NS-Zeit aufgelösten Vereine nicht reaktiviert wurden, wurden im 2. Rückstellungsanspruchsgesetz vom 11. Juli 1951 geregelt und die IKG Wien zur Rechtsnachfolgerin dieser ehemals jüdischen Vereine und Stiftungen etc. bestimmt.

Ermittelte Exemplare

Die im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin ermittelten Exemplare wurden in den neunziger Jahren aus dem Antiquariatshandel erworben, insbesondere vom Wiener Antiquariat Löcker, Katalog 67 (1995).

Restitution

Am 04.12.2014 restituierte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 13 Bände aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin an die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG Wien). Unter den Druckschriften, die zwischen 1840 und 1914 erschienen sind, stammen 4 aus dem früheren Eigentum der Kultusgemeinde, die anderen neun gehörten anderen ehemaligen jüdischen Organisationen Wiens (u.a. dem Jüdischen Museum Wien, der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt Wien und dem Bet ha-Midrasch Wien), deren Rechtsnachfolgerin heute die IKG Wien ist.[1]

Im Rahmen des kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojektes „Transparenz schaffen“ konnte die Herkunft der 13 Bände bestimmt werden. Aufgrund der im Online-Katalog der Staatsbibliothek (StaBiKat) veröffentlichten Rechercheergebnisse wandte sich die IKG Wien mit der Bitte um Rückgabe der identifizierten Druckschriften an die Stiftung.[2]

Einzelnachweise

  1. Staatsbibliothek zu Berlin restituiert 13 Bände an die Israelitische Kultusgemeinde Wien. Pressemitteilung vom 04.12.2014. (Stand: 12.01.2015).
  2. Ebd.

Literatur

Ingo Zechner: Die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Entstehung – Entziehung – Restitution und sogenannte „herrenlose“ Bücher