Georges Mandel

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Georges Mandel, geb. Louis Georges Rothschild, (* 5. Juni 1885 in Chatou; † 7. Juli 1944 in Fontainebleau) war ein französischer Journalist und Politiker der Dritten Republik.

Leben

Georges Mandel (ursprünglich Louis Georges Rothschild) wurde als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Schneiders geboren, der 1871 aus dem vom Deutschen Kaiserreich annektierten Elsass nach Frankreich ausgewandert war.

Zunächst als Journalist für die Zeitung „L’Aurore“ tätig, wurde Mandel unter Georges Clemenceau dessen Privatsekretär und später Kabinettschef, seit 1919 gehörte er dem Abgeordnetenhaus an. Während der 1930er Jahre warnte Mandel vor den Gefahren des deutschen Nationalsozialismus und sprach sich im Dezember 1935 öffentlich gegen den Hoare-Laval-Pakt zur Beendigung des Abessinienkriegs aus. Gegenüber dem expansionistischen Deutschen Reich forderte er einen harten Kurs und lehnte die Appeasement-Politik der Westmächte ab.

Regierungsämter:

  • Nov. 1934 bis Juni 1936: Postminister (Ministre des Postes, télégraphes et téléphones - PTT)
  • April 1938 bis Mai 1940: Kolonialminister (Ministre des Colonies)
  • Mai 1940 bis Juni 1940: Innenminister

Mit der Regierungsübernahme Philippe Pétains am 16. Juni 1940 verlor Mandel sein Ministeramt. Am gleichen Tag unterbreitete ihm Edward Spears, Churchills Verbindungsoffizier, das Angebot, gemeinsam mit Charles de Gaulle nach London zu fliegen, was Mandel ablehnte. Nachdem Pétain das Deutsche Reich am 17. Juni um Waffenstillstandsverhandlungen ersucht hatte, bemühte sich Mandel, den Staatspräsidenten, die Präsidenten der Abgeordnetenkammer und des Senats sowie möglichst viele Parlamentarier davon zu überzeugen, sich nach Französisch-Nordafrika abzusetzen, um den Krieg von dort weiterzuführen. Dem Aufruf Mandels folgten lediglich 27 Parlamentarier, die sich am 21. Juni an Bord der Massilia einfanden und von Bordeaux nach Nordafrika ausgeschifft wurden.

George Mandel wurde auf Befehl Pierre Lavals am 8. August 1940 in Französisch-Marokko verhaftet und im Prozess von Riom zu lebenslanger Haft verurteilt. Im November 1942 (nach Besetzung der Südzone durch die deutsche Wehrmacht) an die Gestapo übergeben, wurde er in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Oranienburg, später Buchenwald interniert. Am 4. Juli 1944 an Frankreich ausgeliefert, ermordete ihn die paramilitärische Milice française zur Vergeltung eines Anschlags der Résistance auf den Propagandaminister des Vichy-Regimes, Philippe Henriot, im Wald von Fontainebleau.

Bibliothek

George Mandels Wohnung wurde im August 1940, im zeitlichen Umfeld seiner Verhaftung, vom „Sonderkommando Künsberg“ durchsucht. Ab September 1940 war George Mandels Wohnung von einer deutschen Militäreinheit bewohnt. Im April 1941 drangen Mitglieder der französischen rechtsextremen Partei in die Wohnung ein und entnahmen wohl ihrerseits weitere Gegenstände.

Zu vermuten ist, dass das „Sonderkommando Künsberg“ im August 1940 u.a. die Bibliothek Mandels „sicherstellte“, die 15.000 Bände u.a. zu zeitgenössischer politischer Geschichte umfasste. Ein solches Vorgehen hätte der Aufgabe des Sonderkommandos entsprochen, im Auftrag des Auswärtigen Amtes Gebäude der „feindlichen“ und neutralen diplomatischen Vertretungen sowie Wohnungen „feindlicher“ Politiker zu „sichern“ und das dort vorhandene Material, darunter Archivalien und Bücher, zu übernehmen.

Belegt ist gleichzeitig eine Beteiligung des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR): Im Mai 1941 verzeichnet eine „Aufstellung der bisher in Paris sichergestellten jüdischen Büchereien“ des ERR 41 Kisten Bücher und Papiere, die im Januar 1941 in der Wohnung 67, av. Victor Hugo „bearbeitet“ wurden. Eine ERR-Liste von Januar 1942 führt 42 Kisten (bezeichnet MAN 1-42) auf.

Es ist davon auszugehen, dass in der Folge die geraubten/beschlagnahmten Kulturgüter aus Georges Mandels Besitz nach Berlin verbracht und an verschiedene NS-Institutionen verteilt wurden. Teile seiner Bibliothek wurden nach 1945 vermutlich aus „herrenlosen“ Beständen geborgen und gelangten u.a. in den Tauschverkehr der Bibliotheken in der DDR (Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände) sowie den Antiquariatsbuchhandel (Zentralantiquariat der DDR).

Restitutionen

Kunstgegenstände

  • Gemälde „Boat on the Beach“ von Louis-Gabriel-Eugène Isabey (59x40 cm, signiert E.Isabey; „MAN 3“), am 25.06.1946 aus dem Depot Neuschwanstein/Hohenschwangau über den CCP München an Frankreich restituiert (Mü.Nr. 359/1)[1]
  • Gemälde "Portrait de jeune femme assise" von Thomas Couture, im Januar 2019 an die Familie George Mandels restituiert (Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“)

Bücher
Nur ein sehr kleiner Teil der ca. 15.000 Bände umfassenden Bibliothek Georges Mandels, weniger als 700 Bände, wurden zwischen 1946 und 1949 u.a. in Österreich und Deutschland wieder aufgefunden und restituiert (u.a. aus: Zentralbibliothek der Hohen Schule, Stift Tanzenberg/Kärnten; Bibliothek des ERR, Sonderstab Bildende Kunst, Schloss Kogl/Attergau).[2]

Provenienzmerkmale

Exemplare aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin

René Gillouin: De l'Alsace à la Flandre. Le mysticisme linguistique, Paris 1930.

Marcel Homet: Syrie, terre irrédente. L'histoire secrète du traité franco-syrien. Où va le Proche-Orient?, Paris 1938.

Ermittelte Exemplare

SBB-PK Berlin:

SLUB Dresden:

Quellen

  • ERR Lists #3 and #4: NACP, NARA Microfilm Publication T-501, roll 362, article 85621, S. 5 (= Complete list of libraries already packed by the Paris Working Group; Addendum to the Paris libraries packed). Online
  • ERR Lists #6, #7, and #8 with a covering Memorandum by Dr Karl Brethauer (21 January 1942), ERR Stabsführung (Headquarters), Berlin, addressed to Parteigenosse (Party Comrade) von Behr, Paris, S. 6. Online
  • ERR List 10 “Aufstellung der Namen der Pariser Akten” (Ratibor, 3 April 1944) (= BArch-Berlin-Lichterfelde, NS 30/56). Online
  • NARA M1949. Records of the Monuments, Fine Arts, and Archives (MFAA) Section of the Reparations and Restitution Branch, Office of Military Government, U.S. Zone (Germany) [OMGUS], Cultural Property Claim Applications, compiled 1946 – 1948, F317 Mandel Georges.
  • NARA, Records Concerning the Central Collecting Points ("Ardelia Hall Collection"), Munich Central Collecting Point, 1945-1951, Restitution Claim Records (Catalog Id: 3725265), Restitution Cases: General Correspondence-France Claims, 1950-1954, S. 54.
  • Findbuch zu Archives Nationales, 544 AP Papiers Georges MANDEL, Répertoire numérique par Pascal R. David sous la direction de Ségolène de Dainville-Barbiche responsable de la Section des archives privées, 2009-2011. Online

Literatur

  • Martine Poulain: Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous l'Occupation, [Paris], Gallimard 2008. - Éd. revue et augmentée, [Paris], Gallimard, 2013 (Collection Folio. Histoire).
  • Ergebnisse der Forschungen von Martine Poulain im Netz:
  • Abschlussbericht von Ines Rotermund-Reynard, Paris, zu der Lost Art-ID 478471, S. 9/31ff. Online

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. NARA, Records Concerning the Central Collecting Points („Ardelia Hall Collection“), Munich Central Collecting Point, 1945-1951, Restitution Claim Records (Catalog Id: 3725265), Restitution Cases: General Correspondence-France Claims, 1950-1954, S. 54.
  2. Poulain: Livres pillés, darin: Liste de personnes spoliées Online-Version