Fürstlich-Stolberg-Wernigerödische Bibliothek

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Typischer Einband des 18. Jahrhunderts aus Wernigerode

Geschichte

Gegründet als Privatbibliothek des Grafen Wolf Ernst zu Stolberg (1546-1606), der mit geschätzten 4000 Bänden eine der größten Privatbibliotheken des 16. Jahrhunderts besessen haben könnte. Eine neue Blütezeit begann mit dem Regierungsantritt von Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode (1691-1771) im Jahre 1712. Ab 1746 "Öffentliche Bibliothek" für wissenschaftliche Interessenten. Im 19. Jahrhundert Erweiterung des Bestandes durch Ankauf der Bibliotheken des Archivars Christian Heinrich Delius (1841), die etwa 13.000 Bände umfasste, und des Bibliothekars Karl Zeisberg (1858) mit ca. 16.000 Bänden. Nach Aussonderung der durch diese großen Erwerbungen entstandenen Dubletten (ca. 8.000) umfasste die Bibliothek am 1. Okt. 1865, zum Ausscheiden des Bilbiothekars Ernst Förstemann, genau 66.400 Bände.
1851 wurde die Bibliothek neu geordnet. Grundsätzlich erfolgte die Signaturenvergabe unabhängig vom Format in einer durchlaufenden Nummernfolge pro Fach, erst dann wurden die Bücher nach Formaten getrennt. In der Regel wurden die Werke eines Faches nach dem Alphabet der Verfasser geordnet, am Schluss die Miscellanbände aufgestellt. Die Systematik von 1865 ist mit ausführlichen Kommentaren abgedruckt bei Förstemann, S. 28-72.
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Bibliothek schließlich einen Umfang von 131.499 Bänden und galt als größte und schönste Privatbibliothek Nord- und Mitteldeutschlands.
Oktober 1927 bis April 1929 wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten Verkauf der wertvollsten Bestände durch die Antiquare Jacques Rosenthal (München) und K. W. Hiersemann (Leipzig). Am 1. August 1929 schloss die Bibliothek offiziell; sie besaß (im August 1929) nur noch 121.572 Bände. 1930 wurde der Antiquar Martin Breslauer (Berlin) von der Stolbergischen Verwaltung mit dem Verkauf der gesamten Bibliothek beauftragt. 1933 Beendigung der Zusammenarbeit mit Breslauer und Wiedereröffnung der Bibliothek bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs. 1946 wurden die meisten Drucke durch eine Trophäenkommission nach Russland abtransportiert und gelangten zu großen Teilen in die Allrussische Staatliche Bibliothek für Ausländische Literatur (VGBIL). Von 1948 an erhielt die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (Halle/Saale) im Rahmen der Bodenreform auch die verbliebenen Teile der Fürstlich-Stolberg-Wernigerödischen Bibliothek.

Exemplare

1930-1934 erwarb die Preußische Staatsbibliothek (PSB) die Abteilung Hymnologie und die Leichenpredigten als geschlossene Sammlungen, dazu 8 Inkunabeln, 200 Kataloge von Privatbibliotheken, 184 Bibelausgaben, einige Lutherdrucke, mehr als 500 Werke der deutschen Literatur, darunter die Mehrzahl der in Wernigerode vorhandenen deutschen Volksbücher, sowie weitere ausgewählte Einzelwerke. Die Exemplare erhielten Zugangsnummern, die mit "Wgde" bzw. "Wgde Hymn." beginnen. Für die geschlossen erworbenen Sammlungsteile wurden die Wernigeröder Signaturen beibehalten und die entsprechenden Zettelkataloge mit übernommen.

Gesangbuchsammlung Wernigerode

Akzessionsjournal der PSB "Wernigerode Hymnologie"

Zum 1. Okt. 1865 umfasste die Sammlung Hymnologie der Wernigerödischen Bibliothek 2.536 Bände.
Die Bände waren ohne Unterteilung nach Konfessionen unter der Signatur Hb in folgender Reihenfolge aufgestellt:

  • Hb 1-30: Schriften zur Bibliographie, Literatur und Geschichte des Kirchenliedes
  • Hb 31-921: Werke nach dem Alphabet der Dichter, Sammler oder Herausgeber
  • Hb 922-2018: Deutsche Gemeindegesangbücher und andere Werke ähnlicher Art nach dem Alphabet der Städte- bzw. Ländernamen, dabei: Gesangbücher der Brüdergemeinden alle unter Herrnhut; reformierte Gesangbücher ohne Ort unter "reformiert"
  • Hb 2019-2121: Fremdsprachige Gesangbücher nach dem Alphabet der Sprachen (böhmisch, dänisch, englisch etc.)
  • Hb 2122-2282: Varia, z.B. Sammlungen hymnologischer Einzeldrucke, Miscellanbände, geistliche Lieder für Schulen, das Militär etc.; chronologisch geordnet

Die Erwerbung der Hymnologischen Sammlung des Oberkonsistorialrats und Pfarrers zu St. Jacobi in Berlin Johann Friedrich Bachmann (1799-1876) für die Wernigeröder Bibliothek im Juli 1888 brachte einen erheblichen Zuwachs für die Sammlung und offenbar einige Verwirrung in die Signaturenvergabe. Die Exemplare wurden mit einem entsprechenden Etikett gekennzeichnet und erhielten sowohl eine Hb-Signatur als auch eine B.S.-Signatur als Exemplar der Bachmann'schen Sammlung - beide Signaturenfolgen scheinen dabei der gleichen sachlichen Ordnung zu gehorchen.
Die in der Gesangbuchsammlung Wernigerode grundsätzlich auf dem hinteren Vorsatz eingetragenen Signaturen haben daneben oft eine bis zu vierstellige Zahl. Auf den Katalogzetteln findet sich wie bei der Leichenpredigtensammlung auf der rechten Seite die Signatur (ggf. Hb- und B.S.-Signatur), auf der linken Seite ebenfalls eine Nummer. Auch die Rückenetiketten der Einbände haben häufig unten das Signaturenschild und oben ein weiteres Etikett mit einer Nummer. Eventuell wurde so der Aufstellungsort näher bezeichnet.


Im Februar 1932 konnte durch die finanzielle Unterstützung des Evangelischen Oberkirchenrats Berlin und der Lutherhalle Wittenberg sowie staatliche Mittel der von Martin Breslauer niedrig gehaltene Preis von 70.000 Mark für den Erwerb der Hymnologischen Sammlung für die PSB bereitgestellt werden.
Im Dezember 1935 und Januar 1936 wurden die Bestände in dem Sonderjournal "Wernigerode Hymnologie" von drei eigens eingestellten Hilfsarbeiterinnen für die PSB akzessioniert, die Einträge am Schluss betreffen zwei im Februar 1937 aus Wernigerode nachgelieferte und im März akzessionierte Bände. Um die Arbeit zu beschleunigen, arbeiteten die Hilfsarbeiterinnen gleichzeitig an drei Teilen des Journals, so dass mehrere Lücken in den Akzessionsnummernfolgen entstanden. Die dem Journal vorangestellte Statistik vom 17. April 1936 weist 4.408 Bände "Deutsche Werke", davon 706 Bände 15.-17. Jahrhundert, sowie 344 Bände "Ausländische Werke", davon 82 Bände 15.-17. Jahrhundert, nach. Insgesamt wurden die Zugangsnummern Wgde Hymn. 1 bis 5341 (mit Lücken) möglichst in der Reihenfolge der Hb-Signaturen vergeben; auch zusammengebundene Werke erhielten dabei jeweils eigene Zugangsnummern. Interessant ist, dass die Akzession zunächst die Signaturen Hb 1 bis 4659 durchläuft und dann geschlossen die neben der Hb-Signatur mit einer Signatur der Bachmann'schen Sammlung "B.S." plus laufende Nummer versehenen Werke verzeichnet. Es ist zu vermuten, dass diese Sammlung in Wernigerode - trotz der zusätzlichen Vergabe von Hb-Signaturen - als Sammlung separat aufgestellt war und so an die PSB geliefert wurde. Insgesamt wurden für die Werke aus der Bachmann'schen Sammlung 926 Zugangsnummern vergeben.
Die Wernigeröder Signaturen Hb 1 bis Hb 4659m wurden beibehalten und später lediglich mit dem Vortext "Slg Wernigerode" versehen. Der nach Hb-Signaturen geordnete Zettelkatalog wurde ebenfalls aus Wernigerode übernommen und - da als Akzessionsunterlage wegen der darin enthaltenen vermissten bzw. als Dubletten nicht eingearbeiteten Werke unbrauchbar - bei dem Referenten für Theologie aufbewahrt (heute in der Musikabteilung).
Nach 1945 betreute die Inkunabelabteilung die Sammlung, die im Hauptmagazin des Hauses Unter den Linden untergebracht war. Erst 1963 wurde die Gesangbuchsammlung Wernigerode der Musikabteilung zugeordnet, war aber aus Platzgründen noch bis 1988 im Sondermagazin der Abteilung für seltene und kostbare Drucke untergebracht. Heute umfasst die Gesangbuchsammlung Wernigerode 6.037 Bände (wohl einschließlich der zunächst nicht akzessionierten Dubletten) und wird von der Musikabteilung betreut. Leider sind seit 1937 einige schmerzliche Verluste - darunter auch die besonders wertvollen, im Akzessionsjournal mit R gekennzeichneten Gesangbücher - eingetreten.

Leichenpredigtensammlung Stolberg-Wernigerode

Typischer Einband der Leichenpredigten aus Wernigerode
Katalogzettel der Leichenpredigtensammlung aus Wernigerode

Nachdem sich die Verhandlungen des Preußischen Staates über den Ankauf der gesamten Fürstlich Stolbergischen Bibliothek zu Wernigerode zerschlagen hatten, konnte die Preußische Staatsbibliothek mit Unterstützung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft im Jahre 1933 die in Wernigerode unter der Signatur Hm zusammengefasste Leichenpredigtensammlung für 10.000 Reichsmark ankaufen. Den Grundstock dieser Sammlung, die in 4.864 Bänden 6.817 Einzeldrucke enthielt, bildeten Dubletten aus der für ihre Leichenpredigtensammlung berühmten Fürstlich Stolberg-Stolbergischen Bibliothek.
Die Zugangsnummer der PSB für alle Leichenpredigten aus Wernigerode lautet "Wgde 1430", dazu wurden offenbar Nummern für den nicht erhaltenen Personalia-Katalog vermerkt. Als Signatur verwendete man - nach der Systematik des Alten Realkatalogs - Ee 700 und schloss mit Bindestrich die alten Wernigeröder Signaturen (ohne Hm) an. In zwei Pappkästen ist der in Wernigerode angelegte Zettelkatalog (nach den Signaturen von Wernigerode geordnet) erhalten, die vor 1945 als Ergänzung zu dem summarischen Eintrag im Akzessionsjournal der PSB im Schrank der alten Akzessionsjournale (Kaufakzession) aufbewahrt wurden. Nach einer im Deckel der Kästen eingeklebten Erläuterung muss die Bearbeitung der Sammlung in der PSB am 6. Febr. 1936 abgeschlossen worden sein. Da einige, am Anfang des Kataloges vermerkte Leichenpredigten von Wernigerode nicht mitgeliefert wurden, bestand die zu diesem Zeitpunkt eingearbeitete Sammlung aus 5.590 Werken in 4.810 Buchbinderbänden.
In der von Förstemann eingeführten Systematik (gedruckt 1865) sind die Leichenpredigten noch nicht als eigenes Fach, sondern lediglich als Anhang zur Abteilung "Hg. Predigten" erwähnt (Förstemann, S. 39). Die Abfolge der nach 1865 eingeführten Hm-Signaturen entspricht dem Alphabet der Verstorbenen, deren Namen sowie Todestag und -ort auch auf den Einbandetiketten vermerkt wurden. Der Zettelkatalog, der als Ordnungswörter allerdings die Namen der Prediger ausweist, scheint in einem Zuge und weitgehend von einer Hand angefertigt. Nach ca. 1880 erworbene bzw. erschienene Drucke wurden mit dem Zusatz "m" oder anderen Buchstaben nach der entsprechenden Nummer eingeschoben; diese Katalogkarten sind von anderer Hand geschrieben.
Jeweils auf der letzten Seite der Drucke (links unten) findet sich eine Bleistiftzählung mit bis zu vierstelligen Nummern, die auch auf den Katalogzetteln vermerkt sind (Hm-Signatur rechts, Nummer links oben). Eventuell handelt es sich hier um eine ältere Zählung der - noch ungebundenen (?) - Leichenpredigten, die am Aufbewahrungsort (Raum, Regal, Fach, Repositorium ...) orientiert gewesen sein könnte.


Literatur

  • Förstemann, Ernst Wilhelm: Die Gräflich Stolbergische Bibliothek zu Wernigerode, Nordhausen 1866.
    Digitalisierte Ausg.
  • Die Fürst zu Stolberg-Wernigerodesche Bibliothek, Katalog von Martin Breslauer (8 Bände, getr. Zählung), Berlin, um 1931 [Maschinenschr. autogr.].
    Bibliographische Daten, PPN = 402684788
  • Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1930, S. 37. (deutsche Volksbücher)
  • Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1931, S. 34f. (Inkunabeln, Bibeln, Lutherdrucke, Einzelwerke)
  • Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1932, S. 29. (Kataloge von Privatbibliotheken, Bibeln, Deutsche Literatur)
  • Jahresbericht der Preussischen Staatsbibliothek 1933, S. 29f. (v.a. Leichenpredigten)
  • Nawroth, Ute: Die Gesangbuchsammlung Wernigerode in der Staatsbibliothek, in: Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz 28.1991, S. 329-338.

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