Deutsches Reich. Reichssicherheitshauptamt. Bibliothek

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Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war eine zentrale Behörde der SS mit nachrichtendienstlichen und sicherheitspolitischen Aufgaben, in der eine wissenschaftliche Zentralbibliothek eingerichtet wurde.[1] Die Bibliothek war zuletzt dem Amt VII für „Weltanschauliche Forschung und Auswertung“ untergeordnet, das zunächst der Leitung von Franz Alfred Six unterstand. Die Bibliothek sollte unter anderem die Grundlage für die „Gegnerforschung“ im RSHA schaffen und der weltanschaulichen und taktischen Schulung der Polizei und der SS dienen. Sie setzte sich aus konfisziertem Schrifttum und Literatur von politisch verfolgten Personen und verbotenen Organisationen zusammen.

Die Bibliothek war zunächst im Sicherheitshauptamt in Berlin in der Emser Straße 12-13 untergebracht und später auch im ehemaligen Gebäude der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in der Eisenacher Straße 12-13.

Geschichte

Organisatorische Entwicklung

Bereits zu Beginn der 1930er Jahre baute die NSDAP einen eigenen Nachrichtendienst auf, den Sicherheitsdienst (SD) der SS, der dann in das Sicherheitsamt eingegliedert wurde.[2] Zu den Vorläufern der Zentralbibliothek zählte die Bibliothek des Sicherheitsdienstes, der zunächst in München gegründet und dann nach Berlin verlegt wurde. Die Aufstellung der SD-Bibliothek erfolgte in Berlin zunächst in der Emser Straße.

Im Januar 1935 wurde das Sicherheitsamt in Sicherheitshauptamt umbenannt. In diesem Zuge übernahm Franz Six die Presseabteilung des Sicherheitsdienstes und verantwortete auch die Bibliothek. Im Januar 1936 gab das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) bekannt, dass auf Anweisung des Reichsführers SS Himmler eine wissenschaftliche Zentralbibliothek beim Sicherheitshauptamt für das politisch unerwünschte Schrifttum eingerichtet werden sollte. Ein Jahr später hatten sich die Referate Freimaurerbibliothek, politisches Schrifttum/Marxismus, Kirchen- und Judenbibliothek gebildet.

Erst im Oktober 1939 wurde das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unter diesem Namen gegründet. Das Gestapa, das Reichskriminalamt sowie der Sicherheitsdienst wurden unter der Leitung von Reinhard Heydrich zusammengeschlossen. Im Jahr 1940 folgte im Reichssicherheitshauptamt die Einrichtung eines selbstständigen Amtes VII, dem die Zentralbibliothek untergeordnet war.

Grundlagen des Bestandsaufbaus

Eine erste Grundlage für den Bestandsaufbau der Zentralbibliothek legte die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz des deutschen Volkes vom 4. Februar 1933, welche die Beschlagnahmung und Einziehung von „Druckschriften, deren Inhalt geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden“[3] ermöglichte. Der Sicherheitsdienst arbeitete mit dem Gestapa Hand in Hand, legte Verbotsanträge vor und erhob Anspruch auf konfiszierte Akten und Bibliotheken, um diese unter dem Dach einer eigenen Zentralbibliothek zusammenzuführen. Ein Erlass des Gestapa vom 22. Januar 1936 legte fest, dass eingezogene Bücherbestände zuerst an das Sicherheitshauptamt gesendet, dort gesichtet und eine Auswahl für die Zentralbibliothek getroffen werden sollte.

Der alleinige Anspruch des SD auf beschlagnahmte Bestände war aber keineswegs unumstritten. Eine direkte Konkurrenz gab es zum Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), der ähnliche Ziele wie der Sicherheitsdienst verfolgte und an Literatur für die Bibliotheken des Instituts zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main oder der Hohen Schule (eine NS-Eliteschule) interessiert war.[4] Zwecks Regelung der Zuständigkeiten hielt Ende Juli 1940 ein Abkommen zwischen dem ERR, der Sicherheitspolizei und dem SD fest, dass Beschlagnahmungen „das ausschließliche Recht der Sicherheitspolizei“ und damit des Reichssicherheitshauptamtes waren und „in gegenseitigem Einvernehmen gesichtet und verteilt“ werden würden.[5]

Darüber hinaus beschränkte die Zuweisung beschlagnahmter Bibliotheken an den Sicherheitsdienst der SS auch die Ansprüche der Preußischen Staatsbibliothek auf in Preußen eingezogene Schriften verfolgter Organisationen und politischer Dissidenten.[6] In dem Versuch, sich mit dem Sicherheitshauptamt zu arrangieren, ging nicht nur die Preußische Staatsbibliothek Tauschvereinbarungen mit dem RSHA ein. Durch die Zusammenführung von beschlagnahmten Logenbibliotheken, Kirchenbibliotheken und jüdischen Bibliotheken beim RSHA waren zahlreiche Dubletten vorhanden, die aussortiert und ggf. an andere Institutionen weitergegeben oder mit ihnen getauscht wurden.[7]

Auslagerung 1943

Aufgrund der zunehmenden Luftangriffe der Alliierten erteilte der Reichsführer SS Himmler im August 1943 den Räumungsbefehl für die Zentralbibliothek des RSHA. Ein Teil der Bestände wurde nach Schlesien und ins Sudetengebiet ausgelagert. Etwa 60.000 Bände wurden nach Theresienstadt gebracht. Ein Teil der Bestände blieb jedoch in Berlin. An die 250.000 Bände wurden im Logengebäude der Eisenacher Straße durch einen Bombenangriff vernichtet. Auch in der Emser Straße sind Verluste durch die Bombardierung zu verzeichnen. Mit dem Rückzug der deutschen Armee mussten im November 1943 die in Schlesien ausgelagerten Bestände nach Berlin und Thüringen abtransportiert werden, einige wurden dabei zurückgelassen.

Signaturensystem

Nur ein Teil der in der Zentralbibliothek durch Beschlagnahmung zusammengetragenen Bücher war überhaupt katalogisiert. Im Jahr 1937 belief sich ihre Anzahl insgesamt auf überschaubare 11.500 Titel. Das stand auch in Zusammenhang mit den immer neu eintreffenden Beständen aus Konfiszierungen und mit fehlendem Personal, das deshalb zunächst nur auspackte und Dubletten aussortierte.

Der Aufbau der Bibliothek orientierte sich an den einzelnen „Gegnergruppen“ der Nationalsozialisten und verteilte sich Ende 1938 auf folgende Sachgruppen:

  • Judentum (Reihe J I und V J)
  • Politische Kirchen (Reihe K I)
  • Freimaurerei (Reihe F I und F IV)
  • Politisches Schrifttum (Reihe P I und V P I)
  • Zeitschriften Freimaurer (Z F)
  • Zeitschriften Judentum (Z J)
  • Zeitschriften, politisch (Z P)

Die Sachgruppe Sozialismus/Marxismus wurde erst 1939 aus dem politischen Schrifttum ausgegliedert:

  • Sozialismus/Marxismus (M(P))

Ende Dezember 1938 waren ca. 85.000 Bände bibliografisch aufgenommen worden. Um den Aufbau der Bibliothek voranzutreiben, zwangsverpflichtete Six 1941 jüdische Bibliothekare.[8]

Im Jahr 1942 war die Bearbeitung der Freimaurerbibliotheken und der jüdischen Bibliotheken am Weitesten fortgeschritten. Neben dem Bereich „Gegner“ hatte die Zentralbibliothek zu dieser Zeit noch eine Abteilung Deutsches Reich und Generalia (Sachgruppe A) und eine Auslandsabteilung. Beide Bereiche waren noch kaum bearbeitet. Gleichzeitig wurde der Aufbau einer Emigrantenbibliothek geplant.[9]

NS-Raubgut

Der Bestand der Zentralbibliothek des RSHA ist aus beschlagnahmten Bibliotheken aufgelöster Einrichtungen, Emigranten oder Deportierten zusammengetragen worden. In den bearbeiteten Beständen sind Provenienzmerkmale entfernt worden, d.h. Stempel des Vorbesitzers wurden geschwärzt, was heute nicht nur zu schweren Schäden bzw. Löchern im Papier führen kann, sondern es gleichzeitig erschwert, ursprüngliche Eigentümer zu identifizieren. Die folgende Auflistung der für das RSHA konfiszierten Bestände erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Aus dem Reichsgebiet

Zu den ersten Bibliotheken, die der Sicherheitsdienst der SS für sich beanspruchte, gehörten Anfang der 1930er Jahre Bibliotheken von Freimaurerlogen, die im August 1935 als staatsfeindlich deklariert und aufgelöst bzw. schon zuvor zur Auflösung gedrängt wurden. Die Bibliotheksbestände lagerte der SD in der Emserstraße ein. Zu den beschlagnahmten Bibliotheken, von denen zumindest Teilbestände in das RSHA gelangten, zählten:

Außerdem:

  • Deutscher Freidenker-Verband (Berlin)

Im Jahr 1935 umfasste der Bestand der SD-Bibliothek etwa 200.000 Bände. Ab April 1936 forderte der SD weitere von der Sicherheitspolizei konfiszierte Sammlungen ein, wie z.B. die

  • Bibliothek der Sozialistischen Volkshochschule Walkenmühle bei Melsungen
  • Sammlung von Waldemar Schlesinger
  • Sammlung mit sexualwissenschaftlichen Schwerpunkt von Iwan Bloch
  • vermutlich auch Teile der Sammlung von Magnus Hirschfeld

Im Jahr 1935 begann außerdem die systematische Zerschlagung von kirchlichen Organisationen.[10] Die Buchbestände wurden in Berlin zusammengetragen, um der Erforschung von Kirchenfragen zu dienen und auf diese Weise den „Totalitätsanspruch“[11] der Kirche abzuwehren. In diesem Zuge wurden folgende Bibliotheken von der Sicherheitspolizei im Dezember 1937 und im Januar 1938 beschlagnahmt und dem Sicherheitshauptamt überstellt:

  • Bibliothek der Apologetischen Gemeinde Centrale der Deutschen Evangelischen Kirche (Berlin-Spandau)
  • Bibliothek der Bischöflichen Hauptarbeitsstelle der Katholischen Aktion (Düsseldorf)

Auch die Bibliotheken jüdischer Gemeinden und Verbände oder jüdische Privatbibliotheken gerieten in den Fokus des Sicherheitshauptamtes, so im April 1937 bzw. Februar 1938:

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 zog darüber hinaus eine Welle weiterer Beschlagnahmungen nach sich. Mit einem Erlass vom 10. November 1938 erging die Anweisung des Chefs der Sicherheitspolizei, dass jüdische Bibliotheken dem SD übergeben werden sollten. Geplant war die Beschlagnahmung von ca. 71 Bibliotheken mit knapp 300.000 Bänden.[13] Für die Zentralbibliothek wurden (Teil)Bestände aus folgenden Bibliotheken konfisziert:

Im Jahr 1941 und 1942 wurden weitere Bestände von Klosterbibliotheken aus dem Reichsgebiet in der Eisenacher Straße in Berlin zusammengetragen. Darunter Bücher von:

  • Franziskanerklöstern (Aachen und Köln)
  • Dominikanerkloster (Walberberg)
  • St. Michaelsabtei (Siegburg)
  • Steyler Missionshaus (St. Augustin)
  • Jesuitenklöstern (Bonn und Köln)
  • Kloster Geistingen (Hennef/Sieg )
  • Abtei Mariawald (Heimbach/Eifel)
  • Sankt-Bonifatius-Kloster (Huenfeld)
  • Kloster Frauenberg
  • Bibliothek der Erzabtei St. Ottilien[14]
  • Bibliothek des Jesuiten-Schriftstellerheimes Canisiushaus (München)
  • Christian Science (First Church of Christ, Scientist) (Berlin und Breslau)
  • Berliner Priesterseminar
  • vermutlich Klosterbibliothek Schweiklberg

Aus den besetzten Gebieten

Mit Kriegsbeginn wurden SD-Mitarbeiter in die besetzten Gebiete ausgeschickt, um zahlreiche Bibliotheken zu besichtigen und ihren Abtransport nach Berlin zu organisieren. Auf die Annexion Österreichs im März 1938 folgte die Schließung von politisch oppositionellen und jüdischen Einrichtungen. Die beschlagnahmten Bibliotheken wurden in die Eisenacher Straße gebracht, darunter Teile der:

Anfang Dezember 1939 waren bereits über 10.000 Bände aus polnischen Bibliotheken – u.a. aus Warschau – nach Berlin transportiert worden, darunter:

  • Große Synagoge (Warschau), Bibliothek
  • Sejmbibliothek (Warschau)
  • Biblioteka im Borochowa w Warzawie
  • Karmelicka
  • Bibliothek des Französischen Instituts (Warschau)
  • Dänische Bibliothek (Warschau)

Mit Kriegsbeginn nahmen auch die Beschlagnahmungen von Kirchen- und Klosterbibliotheken in den besetzen Gebieten zu, zum Beispiel wurde Anfang 1940 die Bibliothek des Pelpliner Priesterseminars in das RSHA gebracht. Infolge der zahlreichen Beschlagnahmungen und Einziehungen galten 60% des Bestandes aus den polnischen Diözesan-, Seminar- und Klosterbibliotheken nach 1945 als Verlust.[15]

Auch Bestände aus ministerialen Bibliotheken, Privatbibliotheken und Kirchenbibliotheken in Frankreich wurden in das RSHA nach Berlin transportiert. In den Jahren 1940 und 1941 kam es zu Beschlagnahmungen von Büchern aus der

  • Jesuitenbibliothek Metz
  • der Klosterbibliothek von Rethel
  • dem Priesterseminar Metz (Bevingen)
  • Jesuiten-Niederlassung (Enghien)
  • Kloster Monte Olivarum (Elsass)
  • Privatbibliothek von André Maurois
  • Privatbibliothek von Artur Rubinstein
  • Privatbibliothek von Marc Bloch
  • vermutlich Privatbibliothek von Karl Kautsky

In den Niederlanden wurden 1940 und 1941 u.a. folgende Bestände beschlagnahmt[16]:

Der Bestand der RSHA-Zentralbibliothek im März 1940 wird schließlich auf eine halbe bis eine Million Bände geschätzt.[17]

Tauschvereinbarungen

Darüber hinaus gab das RSHA im Rahmen von Tauschvereinbarungen Teile von Bibliotheken und Sammlungen – insbesondere Dubletten – weiter. So zeigte das Sicherheitshauptamt zum Beispiel Interesse an russischen Sozialistica aus der beschlagnahmten Bibliothek des Instituts für Sozialforschung Frankfurt am Main, die an die Preußische Staatsbibliothek überstellt wurde.[18] Im Jahr 1938 wurden daher 750 „Doppelstücke historischen und staatswissenschaftlichen Inhalts“[19] von der Preußischen Staatsbibliothek an das Sicherheitshauptamt abgegeben und umgekehrt freimaurerische Schriften von dem RSHA an die PSB überstellt (akzessioniert im Sonderjournal Frm mit der Zugangsnummer, die sich aus Frm bzw. Frm Z für Zeitschriften und einer laufenden Nummer zusammensetzte). Im Jahr 1942 erhielt die Preußische Staatsbibliothek vom RSHA Bände beschlagnahmter französischer Bücher, die von der Sammelstelle in Paris an das RSHA überstellt worden waren und die in der Preußischen Staatsbibliothek im Zugangsjournal „Ausländisch Dona“ und „Orientalische Abteilung“ akzessioniert wurden.[20]

Ein Austausch fand auch mit der Zentralbücherei der Deutschen Arbeitsfront in Berlin statt. Die Zentralbücherei übergab dem RSHA beispielweise 1942 sozialwissenschaftliche Literatur, die sie selbst aus beschlagnahmten Gewerkschaftsbibliotheken erhalten hatte.

Dubletten gab das RSHA des Weiteren an folgende Institutionen ab:

Zusammenstellungen von Bibliotheken gingen auch an Parteiorganisationen und -mitglieder bzw. staatliche Institutionen wie:

  • Reichsführerschule SS Wewelsburg
  • Dienstbibliothek Reinhard Heydrich (Berlin)
  • Schule der Sicherheitspolizei und des SD (Berlin-Charlottenburg)
  • SD-Schule (Bernau)
  • SD-Wannsee-Institut (Berlin)
  • Studentenschaft (Königsberg)
  • SD-Mitarbeiter Professor André Jolles
  • Institut für Staatsforschung

Auch die Berliner Reichstauschstelle beteiligte sich an der Verteilung der Dubletten aus dem RSHA.

Provenienzmerkmale

Reichssicherheitshauptamt

Rosafarbene Etiketten

Die (Reste von) rosafarbenen Signaturenetiketten in der SBB-PK Berlin geben Rätsel auf. Sie könnten auf eine Herkunft der Bände aus Logenbibliotheken und eine Übergangsphase in der Zentralbibliothek des RSHA hindeuten.

Bergungsstelle 15

Nach 1945

Ca. 400.000 bis 500.000 Bände der Zentralbibliothek des RSHA scheinen den Krieg überstanden zu haben.[21]

An den Auslagerungsorten

Die an den Auslagerungsorten zurückgelassenen Bücherbestände fielen zum Teil Plünderungen zum Opfer, sodass ca. 30.000 Bücher dabei verloren gegangen sind. In Schlesien wurden etwa 140.000 Bände zurückgelassen, die 1945 nach Posen gebracht wurden, ca. 80.000 Bände Masonica übernahm die Universitätsbibliothek Posen.[22] Hebraica, die nach Theresienstadt ausgelagert worden waren, wurden zusammen mit der Ghettobücherei 1945/46 an das Jüdische Museum in Prag übergeben.

Die amerikanische Armee richtete im Juli 1945 das Offenbach Archival Depot ein, um dort die Buchbestände aus den entdeckten Auslagerungsorten zu sammeln und anhand von Bibliotheksstempeln Institutionen und Bibliotheken zuzuordnen.

In Berlin

In Berlin wurde im Sommer 1945 eine „Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken“ eingerichtet, um die geraubten und in Depots zusammengetragenen Buchbestände zu sichten und zur Rückgabe vorzubereiten, aber auch um die Bestände Berliner Bibliotheken wieder aufzubauen[23]. In einigen Büchern wurde handschriftlich mit Bleistift die Bergungsnummer eingetragen.

Nach einer Mitteilung an die Bergungsstelle lagerten im Logengebäude in der Eisenacher Straße im Juli 1945 ca. 50.000 bis 60.000 Bände, davon zu zwei Drittel wissenschaftliche bzw. politisch-marxistische Bücher.[24] Die Bergungsaktion 15 in der Eisenacher Straße 11-13 in Berlin beziffert im Oktober 1945 noch ca. 10.000 Bände.[25] Im Januar 1946 sollten diese „vorhandenen Eigentumsbibliotheken gemäß Anweisung der amerikanischen Kommandantur ihren Besitzern zurückgegeben werden. Dafür kommen infrage: 1. Die jüdische Gemeinde, 2. Die Logenbibliotheken, 3. Der Bischof von Berlin.“[26] Darunter befanden sich offenbar Bücher aus der Bischöflichen Hauptarbeitsstelle und der Abtei St. Ottilien.

Aus den Beständen in der Emser Str. 12-13 wurden nach Bericht der sowjetischen Trophäenkommission vom 31. März 1946 ca. 47 Kisten mit Büchern nach Moskau gebracht.[27] Darunter waren Bände aus der Sammlung Artur Rubinsteins und des Internationalen Archivs der Frauenbewegung.[28] Weitere Bände wurden im Sommer 1945 für eine neue Parlamentsbibliothek entnommen und 1947 auf Veranlassung der sowjetischen Kommandantur dem Institut für Zeitgeschichte in Ostberlin übergeben. Die Bestände wurden später der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) übergeben, welche die Bücher an Bibliotheken weitervermittelte. Laut den Akten der Bergungsaktion 209 in der Emser Straße wurden sogenannte herrenlose Bestände weiterverteilt. Eine „Kolonialbibliothek“ (ca. 800 Bände) wurde an das Institut für Zeitgeschichte übergeben, juristische Bücher gingen an die Ratsbibliothek und weitere Bestände an Volksbüchereien und die Berliner Stadtbibliothek (BStB). Ein Teil des Bestandes wurde makuliert.

Ermittelte Exemplare

ZLB Berlin

Aus den Depots der RSHA in der Emser Straße und in der Eisenacherstraße gab die Bergungsstelle Bücher an Bibliotheken – u.a. an die Rats- und Stadtbibliothek – weiter, über die Raubgut in den Bestand der heutigen Zentral- und Landesbibliothek Berlin gelangte. Seit 2011 werden bereits identifizierte Bände restituiert.

Bayerische Staatsbibliothek

Durch eine Tauschvereinbarung mit der SS-Schule Wewelsburg, an welche die BSB in den Jahren 1937/1938 Dubletten aus dem eigenen Bestand abgab, erhielt die BSB im Gegenzug beschlagnahmte freimaurerische Bände vom RSHA, mit deren Restitution begonnen wurde.[29]

SBB-PK Berlin

Über die Tauschvereinbarungen des RSHA mit der Preußischen Staatsbibliothek als auch über Verteilungen der ZwA nach 1945 gelangten Bände aus der Bibliothek des RSHA in den Bestand der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin.

Ein Teil der Bände, die vom RSHA kamen, wurde im Krieg verlagert und zählt heute zu den Kriegsverlusten.

In den 1950er Jahren kam es außerdem zur Rückführung größerer Bestände an die DDR (insb. Freimaurerakten) aus dem Sonderarchiv in Moskau. Die Rote Armee hatte Akten diverser Provenienz – insbesondere des RSHA und seiner Institutionen – im März 1946 in ein Sonderarchiv nach Moskau gebracht. Die rückgeführten Bestände wurden u. a. der Staatsbibliothek (Ost) (Nachfolgeinstitution ist die Staatsbibliothek zu Berlin) übergeben. 71 Sammlungspositionen aus dem Besitz von Artur Rubinstein, die in den 1950er Jahren im Rahmen der Rückführung aus der UdSSR in die unbearbeiteten Bestände der Staatsbibliothek Ost gelangten, konnten bereits 2006 restituiert werden.[30]

Rätsel gibt immer noch ein Bestandssegment mit (Resten von) rosafarbenen Signaturenetiketten auf – ohne Stempel oder andere Hinweise auf den Vorbesitzer. Die Hypothese ist bisher, dass diese Bände aus Logenbibliotheken stammen und zumindest eine Zeit lang Teil der Zentralbibliothek des RSHA gewesen waren und dann getauscht oder (nach 1945) weitergegeben wurden.

Universitätsbibliothek FU Berlin

Im Jahr 1979 erwarb die Freie Universität Berlin die Privatsammlung von Alfred Weiland, der 1945 Mitarbeiter der Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken gewesen war und einige Bände aus enteigneten Bibliotheken aus dem Depot des RSHA in der Eisenacher Straße in seine eigene Sammlung aufgenommen hatte.[31] In den 1980er und 1990er Jahren begann die FU Berlin mit der Restitution von Bänden.[32]

Literatur

  • Gideon Botsch, Raub zum Zweck der Gegnerforschung, in: Inka Bertz, Michael Dorrmann (Hg.), Raub und Restitution, Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute, Göttingen 2008, S. 91–97.
  • Jörg Rudolph, „Sämtliche Sendungen sind zu richten an:…“ Das RSHA-Amt VIII „Weltanschauliche Forschung und Auswertung als Sammelstelle erbeuteter Archive und Bibliotheken, in: Michael Wildt (Hg.), Nachrichtendienst, politische Elite, Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003, S. 204–239.
  • Werner Schroeder, Strukturen des Bücherraubs. Die Bibliotheken des Reichssicherhauptamtes (RSHA), ihr Aufbau und ihr Verbleib, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 51 (2004), S. 316–324.
  • Werner Schroeder, Beschlagnahme und Verbleib jüdischer Bibliotheken in Deutschland vor und nach dem Novemberpogrom 1938, in: Regine Dehnel (Hg.), Jüdischer Buchbesitz als Raubgut, Frankfurt am Main 2006, S. 27–36.
  • Werner Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken durch den Sicherheitsdienst der SS, die Geheime Staatspolizei und den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, in: Regine Dehnel (Hg.), NS-Raubgut in Bibliotheken. Suche. Ergebnisse. Perspektiven, Frankfurt a.M. 2008, S. 57–69.

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Neben der Zentralbibliothek gab es noch weitere Teilbibliotheken in den einzelnen Ämtern, Abteilungen und Referaten, vgl. Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 316.
  2. Zu den organisatorischen Entwicklungen vgl. bspw. Christina Schneider, Die SS und „das Recht“. Eine Untersuchung anhand ausgewählter Beispiele, Frankfurt a. M. 2005, S. 31-39.
  3. Zitiert nach: Reichsgesetzblatt Teil I, Nr. 8, Berlin 1933. Digitalisate unter ALEX Historische Rechts- und Gesetzestexte Online
  4. Zum ERR vgl. ausführlicher Peter M. Manasse, Verschleppte Archive und Bibliotheken. Die Tätigkeiten des Einsatzstabes Rosenberg während des Zweiten Weltkriegs, St. Ingbert 1997.
  5. Zitiert nach: Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken, S. 60
  6. Vgl. dazu ausführlicher Cornelia Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin 2013, S. 186 ff.
  7. Allein 1937 wurden 50.000 Dubletten aus dem Freimaurerbestand ausgesondert. Vgl. dazu Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 317.
  8. Vgl. dazu ausführlicher Dov Schidorsky, Confiscation of Libraries and Assignments to Forced Labor. Two Documents of the Holocaust, in: Libraries & Culture 33/4 (1998), S. 347–388.
  9. Vgl. dazu bspw. Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 317–320.
  10. Vgl. dazu ausführlicher Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken.
  11. Zitiert nach: Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken, S. 57.
  12. Zu der Kontroverse zwischen dem Reichskirchenministerium und der Gestapo über den Verbleib der Bibliothek vgl. Schroeder, Beschlagnahme und Verbleib jüdischer Bibliotheken, S. 30f.
  13. Vgl. dazu ausführlicher Schroeder, Beschlagnahme und Verbleib jüdischer Bibliotheken, S. 35; Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 319.
  14. In diesem Zusammenhang kam es mit dem bayrischen Kultusminister Adolf Wagner zum Streit, der geltend machte, diese wertvollen Bestände seien in der Bayerischen Staatsbibliothek zu lagern. Vgl. dazu Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken, S. 63.
  15. Vgl. Schroeder, Der Raub von Kirchen- und Klosterbibliotheken, S. 59.
  16. Vgl. Manasse, Verschleppte Archive und Bibliotheken, S. 35.
  17. Vgl. Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 320.
  18. Vgl. dazu ausführlicher Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, S. 193ff.
  19. Zitiert nach: Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, S. 198.
  20. Vgl. dazu ausführlicher Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, S. 265ff.
  21. Vgl. Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 322.
  22. Vgl. dazu Sylvia Kubina, Die Bibliothek des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906-1978), Berlin 1995, S. 82–83; Andrzej Karpowicz, Katalog druków współczesnych w zbiorach masońskich Biblioteki Uniwersyteckiej w Poznaniu : według stanu z dnia 31. grudnia 1998 [Katalog der gegenwärtigen Literatur in den Masonica-Sammlungen der Universitätsbibliothek Poznan. Nach dem Stande vom 31. Dezember 1998], Nîmes u.a. 2000.
  23. Vgl. dazu auch Sebastian Finsterwalder, Peter Prölß, Raubgut für den Wiederaufbau. Die Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken in Berlin, in: Pia von Schölnberger, Sabine Loitfellner (Hg.), Bergung von Kulturgut im Nationalsozialismus. Mythen – Hintergründe – Auswirkungen, Köln u.a. 2016, S. 332–357.
  24. Aufforderung zur Sicherstellung von Büchern im Logengebäude Schöneberg von Herrn Kurzweg vom 12.7. 1945, in: LAB, C Rep. 120 Nr. 515/1, Bl. 163. Digitalisat. Vgl. auch Schroeder, Strukturen des Bücherraubs, S. 322.
  25. Aktenvermerk zur Bibliothek SS-Reichssicherheitshauptamt, 11. 10. 1945, in: Landesarchiv Berlin, C Rep. 120 Nr. 515, Bl. 195. Digitalisate
  26. Zitiert nach: Aktenvermerk zur Bibliothek SS-Reichssicherheitshauptamt, 24.1. 1946, in: Landesarchiv Berlin, C Rep. 120 Nr. 515, Bl. 193. Digitalisate
  27. Vgl. Gesamtbericht des Bevollmächtigten des Kultur-Komitees beim Rat der Volkskommissare der RSFSR für Deutschland, Oberstleutnant Manevskij, 31. März 1946, in: Klaus-Dieter Lehmann, Ingo Kolasa (Hg.), Die Trophäenkommissionen der Roten Armee. Eine Dokumentensammlung zur Verschleppung von Büchern aus deutschen Bibliotheken, Frankfurt a. M. 1996 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderhefte 64), S. 105.
  28. Vgl. die Website des Rechtsnachfolgers Institute on gender equality and women’s history, History of the stolen archives in World War Two, 9. April 2016.
  29. Vgl. zur NS-Raubgutforschung an der Bayerischen Staatsbibliothek Freimaurer: Loge Zukunft, Preßburg/Wien und Großloge von Wien und Freimaurer: Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“.
  30. Vgl. Pressemitteilung der SPK vom. 05.05.2006
  31. Vgl. dazu Kubina, Die Bibliothek des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland.
  32. Vgl. Restitution von Raubgut in der Universitätsbibliothek der FU Berlin und Universitätsbibliothek gibt gestohlenes Buch zurück.