Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut (Berlin)

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Das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DAWI) diente während der NS-Zeit als Forschungsinstitut und Dokumentationszentrum der eng verflochtenen und personell nahezu identischen Auslandswissenschaftlichen Fakultät. Zusammen mit der Fakultät, die in erster Linie als Diplomatenschule fungierte, hatte das Institut die Aufgabe, Personen NS-ideologisch über die Beziehungen ausländischer Staaten zu Deutschland zu schulen. Ferner diente das Institut als Auslands-Auskunftstelle für Partei- und Regierungsorgane.

Geschichte

Das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DAWI) wurde parallel mit der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin am 5. Januar 1940 durch Erlass des Reichserziehungsministerums (REM) gegründet. Beide Institutionen nahmen am 15. Januar 1940 die Lehre und Forschung in den sog. Auslandswissenschaften - einer spezifischen Verbindung von Politikwissenschaft und gegenwartsorientierter Auslandskunde - auf. Institut und Fakultät erfüllten explizit politische Aufgaben. Leiter bzw. Präsident des DAWI und gleichzeitig Dekan der Fakultät war der Organisator der "weltanschaulichen Gegnerforschung" des SD Franz Alfred Six. Nach der Kapitulation 1945 wurden Institut und Fakultät aufgelöst.

Im DAWI wurden zwei Vorgängerinstitutionen vereint: die Hochschule für Politik (1920 als private Deutsche Hochschule für Politik gegründet, 1933 dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt, 1937 als Hochschule für Politik in eine Reichsanstalt umgewandelt) und die Auslandhochschule an der Universität Berlin (bis 1936 das Seminar für orientalische Sprachen). Organisatorisch gliederte sich das DAWI in Zentralabteilungen, Fachabteilungen und das Institut für Sprachenkunde und Dolmetscherwesen. Hauptgebäude des DAWI wurde das von der Hochschule für Politik genutzte Gebäude der Schinkel'schen Bauakademie (Schinkelplatz 6). Hier befand sich auch die Zentralbibliothek des DAWI, die v.a. auf den Beständen der beiden Vorgängerinstitutionen aufbaute. Die Bibliothek der Auslandhochschule wurde aus der Dorotheenstr. 7 ebenfalls geschlossen in die Zentralbibliothek überführt[1]. Das Bibliothekssigel B 211 der Bibliothek der Deutschen Hochschule für Politik wurde für die am gleichen Ort befindliche Zentralbibliothek des DAWI übernommen, das Bibliothekssigel B 94 der Bibliothek des Seminars für Orientalische Sprachen bzw. der Auslandhochschule entfiel.

Mit dem Aufbau der Zentralbibliothek wurde Wilhelm Gülich (1895-1960), der Direktor der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft (Kiel), beauftragt. Ziel war, Gülichs in Kiel erfolgreich angewandte Grundsätze der Bibliotheksorganisation (Trennung von Sachkatalog und Magazinaufstellung, gleichberechtigte Katalogisierung unselbständiger Schriften etc.) auch für die Bibliothek des DAWI einzuführen.

1942 wird der Gesamtbestand der Bibliothek des DAWI mit 160.000 Bänden und ca. 100 orientalischen Handschriften angegeben[2]. Der Gesamtbestand der Zentral- und der ca. 20 unterschiedlich großen Seminarbibliotheken des DAWI soll 1943 ca. 300.000 Bände umfasst haben. Im August 1943 werden 180.000 katalogisierte und 30.000 nicht katalogisierte Bücher der Zentralbibliothek sowie 40.000 Bücher der Seminarbibliotheken aus Berlin ausgelagert. Weitere 44.000 Bände bleiben in Berlin[3].

Abteilungen

  • Zentralabteilungen
    • (Haupt-)Bibliothek und Pressearchiv, Schinkelplatz 6
    • Forschungs- und Publikationsabteilung, Charlottenstr. 96
    • Auslandsstelle und Ferienkurse, Charlottenstr. 96, Leitung: Axel Seeberg
    • Studien- und Fachberatungsstelle, Schinkelplatz 6, Leitung: Karl Suthoff
  • Fachabteilungen Grundwissenschaften
    • Außenpolitik und Auslandskunde, Dorotheenstr. 7
    • Politische Geistesgeschichte, Dorotheenstr. 7
    • Außenwirtschaft, Dorotheenstr. 7
    • Politische Geschichte der Gegenwart, Breite Str. 36
    • Überseegeschichte und Kolonialpolitik, Charlottenstr. 96, hervorgegangen aus dem Seminar für Kolonialpolitik der Hochschule für Politik (kaum Buchbestand, Mai 1940: 1.000 Bände)
    • Politische Geographie und Geopolitik, Charlottenstr. 96
    • Volkstumskunde und Volksgruppenfragen, Breite Str. 36
    • Staats- und Kulturphilosophie, Breite Str. 36
    • Rechtsgrundlagen der Außenpolitik, Breite Str. 36
    • Wehrpolitik des Auslandes, Charlottenstr. 96
  • Fachabteilungen Volks- und Landeskunden
    • Großbritannien (und das Weltreich), Breite Str. 36
    • Vereinigte Staaten bzw. Amerika, Dorotheenstr. 7, hervorgegangen aus dem Englischen Seminar
    • Frankreich, Charlottenstr. 96
    • Italien, Breite Str. 36
    • Spanien und Spanisch-Amerika, Charlottenstr. 96
    • Portugal und Brasilien, Charlottenstr. 96
    • Niederlande, Breite Str. 36
    • Fennoskandien (Skandinavien, 1943 eigene Abteilung Finnland eingerichtet), Breite Str. 36
    • Ostmitteleuropa, Breite Str. 36, hervorgegangen aus dem Ost-Seminar der Deutschen Hochschule für Politik
    • Südosteuropa, Breite Str. 36
    • Sowjetunion, Dorotheenstr. 7, hervorgegangen aus dem Rußland-Forschungsinstitut der Ausland-Hochschule
    • Türkei, Dorotheenstr. 7
    • Arabischer Orient (Arabien), Dorotheenstr. 7
    • Iran, Dorotheenstr. 7
    • Japan, Dorotheenstr. 7
    • China, Dorotheenstr. 7
    • Südostasien (seit 1943), Dorotheenstr. 7
    • Indien, Dorotheenstr. 7
    • Afrika, Am Kupfergraben 4a
  • Institut für Sprachenkunde und Dolmetscherwesen (zunächst an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät angesiedelt, seit 1942 dem DAWI angegliedert)

Signaturensysteme und Zugangsnummern

Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut Berlin Einbände DE-1.jpg

Wilhelm Gülich, dem die Organisation der Bibliothek des DAWI übertragen worden war, stellt in seinem Bericht über die "Forschungsgrundlagen" des DAWI 1942 fest, dass die Bibliothek der Auslandhochschule (ehem. Seminar für Orientalische Sprachen) keine Einzelsignaturen verwendet habe. Tatsächlich sind sind hier bislang nur Zugangsnummern (fortlaufende Nummern beim Besitzstempel) eingetragen worden.
Die (Deutsche) Hochschule für Politik besaß dagegen ein System von Einzelsignaturen, offenbar ein Groß- und Kleinbuchstabe mit einer Zahl. Gleichzeitig wurden Zugangsnummern aus Erwerbungsjahr und laufender Nummer im oder neben dem Besitzstempel eingetragen. Das Ost-Seminar setzte zusätzlich ein O hinter das Erwerbungsjahr: 1937 O 722.
Die Institute bzw. Abteilungen des DAWI haben die Praxis dieser Zugangsnummern zumindest bis 1941 beibehalten: beispielsweise 41 Au 184 (Aussenpolitik und Auslandskunde), 41 Pg 83 bzw. 41 P.G. 122 (Politische Geistesgeschichte), 40 Ü 2715 (Überseegeschichte und Kolonialpolitik), 1940 O 69 (Ostmitteleuropa).

Gülichs für das Institut für Weltwirtschaft in Kiel entwickelte, auf optimale Raumausnutzung ausgerichtete Magazinaufstellung, die er auch für das DAWI einführen sollte, sah zunächst die Ordnung nach Erscheinungsformen vor: Bücher, Broschüren (ungebundene Bücher bis 200 Seiten Umfang), Landkarten, Jahrbücher, Zeitschriften und Zeitungen. Danach erfolgte die Differenzierung nach Größenklassen. Bücher erhielten nach fünf Größenklassen die Signaturen I, II, III, IV, V plus laufende Nummer. Broschüren ebenfalls nach fünf Größenklassen die Signaturen A, B, C, D, E mit laufender Nummer. Periodika wie Jahrbücher wurden nur in drei Größenklassen eingeteilt: hier X, Y, Z mit laufender Nummer. Verschiedene Farben der Signaturenschilder wurden den Erscheinungsformen zugeordnet, die Größenklassen wurden durch die Form der Signaturenschilder gekennzeichnet[4].
Ob dieses System so oder in leicht angepasster Form im DAWI übernommen wurde, ist nicht ganz klar. Bekannte Signaturen sind: I 325, I 1444, I 1828 bzw. III 25 für gebundene Bücher im Oktavformat (hier ist das Prinzip römische Zahl für die Größe und laufende Nummer nach Eingangsdatum erfüllt), aber auch Aa 529 und Aa 549 für gebundene Broschüren (nicht nach Größe und Eingangsdatum, sondern eher nach dem System der Deutschen Hochschule für Politik vergebene Signaturen). Der typischen Bibliothekseinband des DAWI ist ein dunkelblauer Halbleinenband mit goldgeprägtem Rückentitel.
Die Zentralbibliothek des DAWI benutzte ein wohl auch nach Kieler Vorbild gestaltetes System von Zugangsnummern (laufende Nummern innerhalb eines Geschäftsjahres) und Zugangsdaten (Tagesdatum), untergliedert in Bk- und Bg-Nummern (=Buch Kauf und Geschenk?).

Bekannte Zugangsnummern und -daten der Zentralbibliothek des DAWI
Geschäftsjahr Zugangsdatum Bk Nummer Bk Zugangsdatum Bg Nummer Bg
1940/41 11.09.1940 2198 07.06.1940 551
1940/41 11.09.1940 2225 11.11.1940 2923
1940/41 03.02.1941 3600 19.03.1941 4239
1940/41 31.03.1941 6191
1941/42 09.02.1942 1876 12.11.1941 1660
1941/42 09.02.1942 1879
1942/43 19.05.1942 162

Beispielsignatur

Beispielzugangsnummer mit Datum

NS-Raubgut

Durch die bisher ermittelten Exemplargeschichten ist nachweisbar, dass in größerem Umfang geraubte und beschlagnahmte Buchbestände an das DAWI und seine Untergliederungen gelangten. Die bearbeiteten Bestände weisen fast durchgehend sorgfältig getilgte Provenienzmerkmale auf, d.h. Stempel wurden getilgt, meist geschwärzt (heute durch die dabei verwendete Farbe oft Schäden bzw. Fehlstellen im Papier).
Aktenmäßig belegt sind - offenbar umfangreiche - Buchgeschenke der Zentralbibliothek des Reichssicherheitshauptamtes im Amt VII "Weltanschauliche Forschung und Auswertung".

Folgende als NS-Raubgut nachgewiesene bzw. verdächtige Provenienzen sind bislang in den Beständen des DAWI ermittelt worden:

Belegt sind auch Akquisitionsreisen der Abteilungs-/Institutsleiter in besetzte Gebiete. Inwieweit dadurch unrechtmäßige Erwerbungen in die Bestände des DAWI gelangten, ist nicht bekannt.

Nach 1945

In den Akten der Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken findet sich unter der Auftrags-Nr. 153 der Bericht zur Bergungsaktion in den Kellerräumen des Hauses Schinkelplatz 6 (LAB C Rep. 120, Nr. 514). Die in den Kellerräumen teilweise unter Schutt aufgefundenen und dann in zwei Etappen geborgenen Bestände von ca. 15.000 Bänden werden als "Teilbibliothek des Seminars für Orientalische Sprachen" bezeichnet. Die Ersterkundung erfolgte am 1.10.1945, die Sichtung des ersten Teils der Bestände vom 22.11. bis 1.12.1945, des zweiten Teils vom 13.2. bis 15.2.1946, der Abschlussbericht datiert vom 25.2.1946. Im Ergebnis wurden 6.800 Bände aus dem ersten Teil und 5.000 Bände aus dem zweiten Teil "der Staatsbibliothek zugeführt" (der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin). Hierbei handelte es sich um die Literatur in orientalischen und ostasiatischen Sprachen. Der Rest (ca. 3.500 Bände) wurde der Stadt- bzw. Ratsbibliothek zur Verfügung gestellt (der heutigen Zentral- und Landesbibliothek Berlin). Zu vermuten ist, dass es sich bei diesen Kellerbeständen nicht zuletzt um unbearbeitete Bestände der Zentralbibliothek des DAWI gehandelt haben könnte (die bisher bekannten, unbearbeitet gebliebenen Exemplare aus der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt stammen durchgehend aus der Bergungsstelle 153). Der Bergungsbericht weist explizit auf einen hohen Anteil von Zeitschriftenbänden hin.

Einige Seminarbibliotheken wurden 1943 nach Ratzeburg ausgelagert, wohin Gülich auch die Bestände des Weltwirtschaftsinstituts verlagerte. Der größte Teil der Bibliothek des DAWI wurde in die Kirche von Beeskow (Mark) gebracht. Anfang 1945 wurden aber wieder Teile der Bestände und Kataloge aus Beeskow nach Uelzen verlagert, ein 200-Tonnen-Kahn mit weiteren Bibliotheksbeständen wurde auf der Spree von der Trophäenkommission der Roten Armee gestoppt und nach Berlin gebracht[5]. In welchem Umfang Buchbestände beim Brand der Beeskower Marienkirche im April 1945 vernichtet wurden, ist nicht ganz klar. Mindestens ein Band aus der Zentralbibliothek des DAWI ging 1960 über die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände in den Bestand der Deutschen Staatsbibliothek ein.

Die Geschäftsakten des DAWI gelten weitgehend als Kriegsverlust, das nach Beeskow ausgelagerte Pressearchiv ist jedoch heute im Bundesarchiv erhalten (Bestandssignatur R 4902, Findbuch vorhanden).

Ermittelte Exemplare

Inzwischen konnten zahlreiche Exemplare aus der Zentralbibliothek des DAWI und aus den Teilbibliotheken der Abteilungen in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und der Staatsbibliothek zu Berlin nachgewiesen werden.

Literatur

  • Handbuch der völkischen Wissenschaften, hg. v. Ingo Haar und Michael Fahlbusch, München 2008, S.149-155. ISBN 978-3-598-11778-7
  • Botsch, Gideon: "Politische Wissenschaft" im Zweiten Weltkrieg. Die "Deutschen Auslandswissenschaften" im Einsatz 1940-1945, Paderborn [u.a.] 2006. Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 2003. ISBN 3-506-71358-2
  • Archivführer zur Geschichte des Memelgebiets und der deutsch-litauischen Beziehungen / bearb. von Christian Gahlbeck und Vacys Vaivada. Hrsg. von Joachim Tauber und Tobias Weger. - München : Oldenbourg, 2006. - S. 359-361 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im Östlichen Europa ; 27)
  • Gülich, Wilhelm: Die Forschungsgrundlagen des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts, in: Jahrbuch der Weltpolitik 1942, S. 897-915.
  • Jahrbuch der Hochschule für Politik 1940, S. 5 ff. (Vorwort von Dr. F. A. Six, Präsident des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts, Professor an der Universität Berlin).
  • Nachrichten des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts, 1940, F. [1.]1941; F. 2/3.1941-9.1944[?]. Zu Bibliotheksbeständen insbesondere die Rubrik "Die Abteilungen berichten".
  • Amtliches Personalverzeichnis (SH 1918 - WH 1936/37, SH 1937) / Personal- und Vorlesungsverzeichnis (WH 1937/38 - WH 1944/45) der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. - Online-Ausgabe SH 1944, darin: Auslandswissenschaftliche Fakultät, S. 69f.

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Nachrichten des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts, Mai 1940, S.171.
  2. Jahrbuch der deutschen Bibliotheken 33.1942(1943), S.12.
  3. Botsch, Politische Wissenschaft, S.141.
  4. Gülich, WIlhelm, Die Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft. Voraussetzungen und Grundlagen weltwirtschaftlicher Forschung, Jena 1939, S. 27 ff.
  5. Botsch, Politische Wissenschaft, S.143.