Deutsche Arbeitsfront, Zentralbücherei

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Die Zentralbücherei des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der Deutschen Arbeitsfront war von 1936 bis 1945 eine sozial- und volkswirtschaftliche Fachbibliothek.

Deutsche Arbeitsfront

Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) war in der Zeit des Nationalsozialismus der Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit Sitz in Berlin. Am 6. Mai 1933 erging an Robert Ley der Auftrag Hitlers, die Deutsche Arbeitsfront zu gründen. Nach der Auflösung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und in der Folge weiterer Gewerkschaften ging das Gewerkschaftsvermögen auf die DAF über. Die aufgelösten Gewerkschaften wurden zunächst in Berufsverbänden unter dem Dach der DAF zusammengefasst.[1] Im November 1933 wurden die Handlungsspielräume der Arbeiter- und Angestelltenverbände innerhalb der DAF aber zunehmend eingeschränkt (Mitgliedersperre, keine Rechtsberatungsstelle, keine Kassen- oder Finanzgewalt), sodass die Arbeiterbewegung ihrer Verbands- und Organisationsstruktur entzogen wurde.[2]

Im Jahr 1934 unterstanden dem DAF-Zentralbüro 9 Führungsämter, deren Anzahl bis 1940 auf ca. 40 Ämter anwuchs, darunter zum Beispiel das Organisationsamt, Personalamt, Presseamt, Propagandaamt, Amt Information, Arbeitswissenschaftliches Institut, Schulungsamt, Amt Berufserziehung und Betriebsführung. Außerdem verfügte die DAF über eine regionale Organisationsstruktur in Gauen und Kreisen.[3]

Im Oktober 1945 wurde die Deutsche Arbeitsfront durch den Alliierten Kontrollrat im Rahmen des Kontrollratsgesetz Nr. 2 aufgelöst und verboten.

Arbeitswissenschaftliches Institut

Im April 1935 wurde das Arbeitswissenschaftliche Institut (AwI) innerhalb der Deutschen Arbeitsfront gegründet, das von 1935 bis 1945 der Leitung von Wolfgang Pohl (1897–1962) unterstand. Das Institut sollte für die Deutsche Arbeitsfront wissenschaftliche Analysen zu grundlegenden sozialpolitischen und sozialwissenschaftlichen Fragen in Wirtschaft und Arbeit durchführen und strategische Optionen ausarbeiten.[4]

Die Arbeit des Instituts erstreckte sich dabei über viele Fachbereiche wie den Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaft und Arbeitswissenschaften, aber auch die Ethnologie, Demographie, Geographie, Soziologie, Politologie oder Geschichte.[5] Das Institut verfügte unter anderem über eine Statistische Zentralstelle, eine Forschungsstelle, ein Archiv und eine Bibliothek.

Zentralbücherei

Im Jahr 1935 wurde am Arbeitswissenschaftlichen Institut zunächst ein Zentralarchiv und 1936 eine dem Archiv angegliederte Zentralbücherei gegründet, die allen Dienststellen der DAF, den Behörden des Staates und der NSDAP zur Verfügung stand.[6]

Sammlungsschwerpunkte bildeten vor allem Literatur zur Sozialpolitik, Arbeitswissenschaft, Arbeitsrecht und zu allgemeinen Wirtschaftsfragen. Darüber hinaus wurden die Sachgebiete Landwirtschaft und Industrie, Rohstoffkunde und Technik, Handel und Verkehr, Berufsführung und Erziehung, aber auch Politik und neuere Geschichte besonders berücksichtigt. Der Bestandsaufbau konzentrierte sich auf neu erscheinende Veröffentlichungen aus allen größeren europäischen und außereuropäischen Ländern.[7]

Außerdem wurde eine Zeitungsausschnittsammlung angelegt, für die im Jahr 1937 bereits 80 Tageszeitungen und knapp 1.000 Zeitschriften systematisch gesichtet und allein 1937 an die 250.000 Ausschnitte gesammelt wurden. Des Weiteren gehörten Sondersammlungen an Geschäftsberichten und Tarifordnungen zum Bestand.[8]

NS-Raubgut

Zunächst verfügte das Amt Information der Deutschen Arbeitsfront über das beschlagnahmte und daher ungeordnete Archiv- und Schriftgut der 1933 zerschlagenen gewerkschaftlichen Organisationen. Auf der Grundlage dieses Raubguts sollten Zentralarchiv- und bibliothek des Arbeitswissenschaftlichen Instituts aufgebaut werden. Die Übergabe der Schriftgutbestände an die Zentralbücherei begann im Herbst 1935 und dauerte bis 1937.[9] Insgesamt belief sich der Bestand der Zentralbücherei nach dem Umzug auf etwa 200.000 Bände.[10]

Ab 1937 erfolgte in der Zentralbücherei die systematische Bearbeitung und Erschließung der ungeordneten Bestände, sodass im selben Jahr 19.000 Bände bearbeitet wurden.[11] Auch im Anschluss an die Übergabe der Bestände aus den Gewerkschaftsbibliotheken erhielt die Zentralbücherei weiterhin Bestände aus beschlagnahmten Bibliotheken, sodass der Bestand bis 1940 auf etwa 320.000 Bände anwuchs.[12] Hinzu kamen zum Beispiel in den Jahren 1937/1938 Dubletten aufgelöster Behördenbibliotheken, welche die Zentralbibliothek von der Reichstauschstelle erhielt.[13] Nach der Annektierung Österreichs ließ der Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich und zugleich Stellvertreter der DAF, Theodor Hupfauer, veranlassen, dass „die bei den Arbeiterkammern, Berufsverbänden und Gewerkschaften in Österreich vorhandenen fachwissenschaftlichen Büchereien“[14] an die Zentralbibliothek der DAF überstellt wurden. Trotz Widerstände seitens anderer NS-Institutionen gelangte so die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek bei der Kammer für Arbeit und Angestellte für Wien in die DAF-Zentralbücherei, darunter auch Bände aus der Bibliothek Pernerstorfer.[15]

Dublettentausch

Infolge der Erschließungsarbeiten und des kontinuierlichen Zuwachses des Bestandes wurden über die Jahre etwa 80.000 Dubletten aussortiert und mit anderen Bibliotheken getauscht.[16] In den 1930er Jahren gelangten offenbar Exemplare aus der Zentralbücherei des Arbeitswissenschaftlichen Instituts nach Göttingen.

Die Preußische Staatsbibliothek erhielt im Jahr 1941 eine Schenkung des Arbeitswissenschaftlichen Instituts. Die Bände erhielten in der PSB die Akzessionsnummern D 1941.804 bis 810, D 1941.848 bis 849 und D 1941.854 bis 858 (Dona Deutsch) sowie D 1941.3515 bis 3562 und D 1941.3583 bis 3651 (Dona Ausländisch).[17]

Im Jahr 1942 wurden Dubletten an die Zentralbibliothek des Reichssicherheitshauptamtes abgegeben.

Nach 1945

Vor Ende des Krieges wurde ein Teil – vermutlich ein Drittel – der DAF-Zentralbücherei nach Schlesien evakuiert. [18] Ein weiterer Großteil des Bibliotheksbestands wurde noch während des Krieges in das „Haus der Buchdrucker“ in die Immelmannstraße 10 in Berlin-Kreuzberg gebracht. Das Magazin blieb unversehrt und das Gebäude musste 1945 geräumt werden. Ein Restbestand an Büchern, vor allem Nachschlagewerke und Handbibliotheken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verblieben in den Diensträumen des Arbeitswissenschaftlichen Instituts am Leipziger Platz 14 und in der Französischen Straße 22-23. Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil während eines Luftangriffes vernichtet wurde.[19]

In der Sowjetischen Besatzungszone wurde Mitte 1945 die Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) vorbereitet, der um die Überlassung der in der Immelmannstraße verbliebenen Bestände der DAF-Zentralbibliothek für den Aufbau einer eigenen Bibliothek bat. Die Überlassung und der Abtransport der Bestände wurde am 18. Juli 1945 vom Berliner Magistrat genehmigt.[20] Bei der Sichtung des Bestandes durch Ernst Lenner aus dem Vorstand des FDGB wurden in der Immelmannstraße auch etwa 180.000 Bände aus der Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek bei der Kammer für Arbeit und Angestellte für Wien gefunden.[21]

An den Beständen der ehemaligen DAF-Zentralbibliothek war zugleich auch die Library of Congress Mission aus Washington interessiert.[22] Jacob Zuckermann, Library of Congress Mission in Berlin, berichtete im März 1946 von dem Besuch des Gebäudes des FDGB in der Wallstraße, in das bereits 150.000 bis 200.000 Bände der DAF-Zentralbibliothek verbracht wurden. Ein verbliebener Restbestand in der Immelmannstraße von 30.000 Bänden sei in ein Lager der Library of Congress Mission verschickt worden.[23] Mit dem FDGB wurde eine Vereinbarung über die bereits abtransportierten Bestände getroffen, sodass im April ein Teil – darunter Zeitungen und technische Zeitschriften sowie Material, das in den besetzen Gebieten wie Österreich und Niederlande durch die Nationalsozialisten geraubt wurde – an die Library of Congress übergeben wurde, während diese im Gegenzug Bücher beschlagnahmter deutscher Gewerkschaftsbibliotheken an den FDGB übergab.[24]

Weiterhin unklar ist der Verbleib der nach Schlesien ausgelagerten Bestände der DAF-Zentralbibliothek, die als verschollen gelten. Die Abteilung Bibliothek des FDGB erlangte 1949 zumindest Kenntnis davon, dass die Verlagerungsbestände aus Schlesien 1946 nach Krakau (Polen) gebracht worden seien.[25]

Nach Auflösung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Jahr 1990, wird die ehemalige Zentralbibliothek von der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv verwaltet.[26]

Provenienzmerkmale

Arbeitswissenschaftliches Institut

Zentralbücherei

Zentralbücherei und -archiv

Ermittelte Exemplare

SBB-PK Berlin:

SUB Göttingen:

SLUB Dresden:

ZLB Berlin:

Siehe auch

Quellen

  • Jahrbuch 1937, Arbeitswissenschaftliches Institut der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1938, Reprint: München [u.a.] 1986, (Sozialstrategien der Deutschen Arbeitsfront: Teil A, Jahrbücher des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der Deutschen Arbeitsfront, Bd. 2), S. 435–439.

Literatur

  • Rüdiger Hachtmann, Arbeitswissenschaftliches Institut, in: Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Alexander Pinwinkler (Hg.), Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme, Berlin 2017, S. 1338–1350.
  • Barbara Kontny, Hans-Jürgen Voß, Jürgen Stroech, „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“ [Stand: März 1995], in: Bernhard Fabian (Hg.), Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Hildesheim 2003. Online-Version
  • Ernst Leipprand, Die Zentralbücherei der DAF, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 55 (1938), S. 88–90.
  • Karl-Heinz Roth, Intelligenz und Sozialpolitik im ‚Dritten Reich‘. Eine methodisch-historische Studie am Beispiel des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der Deutschen Arbeitsfront, München u.a. 1993. [v.a. S. 131f.]
  • Karl Heinz Roth, Karsten Linne, Searching for Lost Archives. New documentation on the pillage of trade union archives and libraries by the Deutsche Arbeitsfront (1938-1941) and on the fate of trade union documents in the postwar era, in: International Review of Social History 38 (1993), S. 163-207.
  • Michael Schneider, „Organisation aller schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF), in: Stephanie Becker, Christoph Studt (Hg.), „Und sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben“. Funktion und Stellenwert der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände im „Dritten Reich“, Münster u.a. 2012, S. 159–178.

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Vgl. beispielsweise Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Band 1933, Berlin 1934, S. 549.
  2. Vgl. dazu Roth, Intelligenz und Sozialpolitik, S. 117f.; Schneider, „Organisation“, S. 160; Cornelia Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin 2013, S. 186.
  3. Vgl. Schneider, „Organisation“, S.167.
  4. Vgl. bspw. Roth, Intelligenz und Sozialpolitik, S. 119.
  5. Vgl. Hachtmann, Arbeitswissenschaftliches Institut, S. 1341.
  6. Vgl. Leipprand, Die Zentralbücherei der DAF, S. 88.
  7. Vgl. Hachtmann, Arbeitswissenschaftliches Institut, S. 1338; Jahrbuch 1937, S. 435f.
  8. Vgl. Hachtmann, Arbeitswissenschaftliches Institut, S. 1338; Jahrbuch 1937, S. 435f.
  9. Vgl. Roth, Intelligenz und Sozialpolitik, S. 131f.
  10. Vgl. dazu Jahrbuch 1937, S. 435f.
  11. Vgl. Leipprand, Die Zentralbücherei der DAF, S. 89.
  12. Vgl. Kontny, Voß, Stroech, „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“.
  13. Vgl. Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, S. 61.
  14. Anweisung von Theodor Hupfauer zur Übernahme von statistischen Beständen, Bibliotheken und Archiven von aufgelösten Arbeitervereinigungen und Gewerkschaften, 25. Juli 1938, zit. n.: Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 175.
  15. Vgl. Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 165.
  16. Vgl. Leipprand, Die Zentralbücherei der DAF, S. 89.
  17. Vgl. Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, S. 186.
  18. Vgl. Memorandum von Gerhard Bock, Bibliothekar in der ehemaligen Zentralbibliothek der DAF, (Abschrift), 26 Mai 1945, in: Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 195f; Aktennotiz ohne Unterschrift der Abteilung für Volksbildung beim Magistrat der Stadt Berlin, (Abschrift), 10. Juli 1945, in: ebd, S. 197.
  19. Vgl. ebd.
  20. Vgl. Brief der Abteilung für Volksbildung beim Magistrat der Stadt Berlin an den Vorbereitenden Ausschuss des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, 18. Juli 1945, in: ebd, S.197f.; Genehmigung der Abteilung für Volksbildung beim Magistrat der Stadt Berlin über den Abtransport der DAF-Bibliotheksbestände aus der Immelmannstraße, 18. Juli 1945, in: ebd., S. 198f; vgl. auch Kontny, Voß, Stroech, „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“.
  21. Vgl. Aktennotiz von Ernst Lenner an die Kollegen aus dem FDGB-Vorstand, 18. August 1945, in: Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 199f.
  22. Zu den Aufgaben der LCM vgl. Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 171.
  23. Vgl. Bericht Nr. 19 von Jacob Zuckermann an David H. Clift (Library of Congress Mission, Frankfurt/M.), 20. März 1946, in: Roth, Linne, Searching for Lost Archives, S. 201f.
  24. Vgl. Bericht Nr. 25 von Jacob Zuckermann an David H. Clift, 10. April 1946, in: ebd., S. 202.
  25. Vgl. Brief der Abteilung Bibliothek des FDGB-Berlin an das Internationale Sekretariat des FDGB,(Abschrift), vom 5. Januar 1949, in: ebd., S. 204.
  26. Vgl. Kontny, Voß, Stroech, „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“