André Maurois
André Maurois, eigentlich Émile Salomon Wilhelm Herzog (* 26. Juli 1885 in Elbeuf, Département Seine-Maritime; † 9. Oktober 1967 in Neuilly-sur-Seine, Département Hauts-de-Seine), war ein französischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Historiker.
Inhaltsverzeichnis
Leben
André Maurois wurde als Émile Herzog in eine gutsituierte elsässische Tuchmacherfamilie geboren. Wie andere elsässische Industrielle mussten die Herzogs nach dem Krieg von 1870/71 das Elsass verlassen, um ihre französische Nationalität nicht zu verlieren. Sie verlegten die Wolltuchfabrik von Bischwiller (Bas-Rhin) nach Elbeuf (Seine-Maritime). Hier wuchs Émile in einem streng bürgerlichen Milieu auf. Die jüdische Herkunft der Familie wurde zwar nicht versteckt, stand aber auch nicht im Vordergrund. Während des Ersten Weltkriegs wurde Sergeant Émile Herzog als Dolmetscher der französischen Streitkräfte abkommandiert. Aufgrund seiner englischen Sprachkenntnisse kam er als Verbindungsoffizier der britischen Armee an die Front in Flandern. Als er nach dem Ersten Weltkrieg erste Erfolge als Schriftsteller erzielte, änderte er dem Rat seiner Verleger folgend, seinen Namen. Wahrscheinlich vor allem, weil er deutsch klang, und nicht, weil er auf seine jüdischen Wurzeln hinwies. Im Jahr 1947 wurde André Maurois sein gesetzlicher Name.
Einen starken Einfluss auf Maurois Denkweise und künstlerische Ausrichtung hatte der Philosoph Alain (Émile-Auguste Chartier, 1868-1951), der den brillanten Schüler am Lycée Corneille in Rouen unterrichtete. Auf Alains Rat hin legte Maurois seine Begeisterung für eine literarische Karriere aber zunächst auf Eis, um sich im Familienunternehmen mit kaufmännischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau verließ Maurois das Familienunternehmen und ging seiner Leidenschaft für das Schreiben nach. Im September 1926 heiratete er Simone Arman de Caillavet, die ihn umfassend bei seiner Tätigkeit als Schriftsteller und der Organisation ihrer gemeinsamen Bibliothek, die in ihrer Wohnung in Neuilly-sur-Seine aufgestellt war, unterstützte. Neben Romanen, Kinderbüchern und Übersetzungen verfasste Maurois auch zahlreiche Biografien. Am 23. Juni 1938 wurde Maurois in die Académie Française aufgenommen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieg wurde Maurois zum offiziellen französischen Beobachter ernannt, der dem britischen Hauptquartier zugeteilt war. In dieser Funktion begleitete er die britische Armee nach Belgien. Am 10. Juni 1940 wurde er von der französischen Militärregierung, unter anderem zur Berichterstattung über die Besetzung von Paris, nach England geschickt. Die Mission, die ihn zum BBC nach London führte, wurde mit dem deutsch-französischen Waffenstillstand beendet und Maurois wurde demobilisiert. Mit Hilfe seiner Frau gelang ihm die Flucht nach Montréal in Kanada. Von dort fanden die Maurois den Weg nach New York und wurden Teil der dortigen, großen französischen Intellektuellengemeinde. Ohne sich einem politischen Lager zuzuordnen, agitierte Maurois durch seine Artikel und Schriften journalistisch gegen Nazi-Deutschland. Er war Patriot und unterstützte in der Hoffnung auf ein nach dem Krieg geeinten Frankreich, verschiedene französische Wohltätigkeitsorganisationen finanziell.
Als Literaturwissenschaftler hielt Maurois bis Kriegsende Vorlesungen zur französischen Literatur an verschiedenen Universitäten in den USA. Während seiner Zeit im Exil war André Maurois Vizepräsident der Balzac Society of America.
Am 19. Juli 1946 kehrte Maurois nach Frankreich zurück. Er verstarb am 9. Oktober 1967 in Neuilly-sur-Seine.
Die Bibliothek Maurois/ Caillavet
In ihrer Restitutionsklage French Claim N°46 vom 14. April 1947 beschreiben die Maurois ihre Bibliothek, wie folgt in englischer und französischer Sprache[1]:
„Die Bibliothek (nicht zu verwechseln mit dem Arbeitszimmer) war ein Empfangsraum. Sie enthielt hauptsächlich die Bücher, die Mme. André Maurois, geborene Simone Arman de Caillavet, gehörten. Sie hatte sie von ihrer Großmutter, Mme. Arman de Caillavet (Léontine Lippmann) und ihrem verstorbenen Vater, dem Dramatiker G.A. de Caillavet, erhalten. Mme. André Maurois bewahrte auch alle Werke ihres Mannes auf, welche in limitierter Auflage auf speziellem Papier gedruckt waren. Von jedem Buch besaß sie mehrere Exemplare, die speziell nummeriert waren.
Zum Zeitpunkt der Eheschließung hatte Mme. André Maurois eine große Anzahl von Büchern im Besitz, die sich bereits in der Bibliothek ihres Mannes befanden. Das ist der Grund, warum alle Klassiker (Corneille, Molière, Racine usw.) in der von den Deutschen beschlagnahmten Bibliothek doppelt oder manchmal dreifach vorhanden sind. Es wurden zwei Balzac-Ausgaben (Houssiaux in 20 Bänden) beschlagnahmt, eine davon in rot, die andere in grün gebunden, weil Herr und Frau Maurois jeweils eine Ausgabe besaßen, als sie heirateten. Es ist völlig unmöglich, eine vollständige Liste der 9.500 Bände zu geben, die am 14. Juni 1942 beschlagnahmt wurden.“
Eine angehängte 11-seitige, maschinengeschriebene Liste mit den wichtigsten und wertvollsten Büchern sollte bei der Identifikation der Bibliothek helfen. Diese Liste basiert auf einer kürzeren, ähnlichen Liste, die bereits am 19. Januar 1945 von Maurois Tochter Michelle eingereicht worden war. Auf Nachfrage nach Besitzmarken oder Auffälligkeiten, konnten die Maurois nur auf die (Leder)Einbände und Widmungen zeitgenössischer Autoren an ihn oder seine Frau hinweisen. Für seine großformatige Sammlung lateinischer Autoren gibt Maurois an, dass sie als komplette Sammlung des Pressezars Arthur Meyer (1844–1924) erworben wurde, und hier ein Exlibris mit dem gallischen Hahn existieren sollte.
Zahlreiche, unterschiedlich umfangreiche Versionen der Liste der gestohlenen Bücher benennen hauptsächlich Gesamtausgaben von französischen Klassikern. In späteren Versionen werden auch Titel englischer und amerikanischer Autoren aufgelistet. Maurois spricht von tausenden Büchern in englischer Sprache. Die Bücher von Simone de Caillavet zusammen mit den Büchern, die ihr Mann in über 40 Jahren gesammelt hatte, ergaben eine Bibliothek, die insgesamt 9.500 Bände umfasste. Zu ihr zählten vielbändige Lexika, aber auch gebundene Zeitschriften, Manuskripte, wertvolle Ausgaben, Autographen und Widmungsexemplare.
Beschlagnahme der Bibliothek
André Maurois selbst, ebenso wie sein Biograf Jack Kolbert beschreiben, dass seine Wohnung in Neuilly schon lange vor der vermutlich am 14. Juni 1942 erfolgten Beschlagnahme, besetzt gewesen sei.[2] Kolbert beschreibt, dass am Ende der Besetzung alle Bücher entfernt oder zerstört wurden, dass die Möbel zertrümmert, die Orientteppiche zerfetzt und die Gemälde beschlagnahmt wurden.[3]
Dass die Wohnung auch wertvolle Teppiche und Gemälde enthielt, ist zwar wahrscheinlich, lässt sich aber anhand der untersuchten Quellen nicht belegen. Auch die erwähnte Zerstörung des Besitzes der Maurois in Neuilly lässt sich nicht nachweisen. Eher scheint es wahrscheinlich, dass bei Rückzug der deutschen Truppen aus Paris bereits keine Bücher mehr in der Wohnung der Maurois verblieben waren, und dass alle Wertgegenstände beschlagnahmt worden waren. In seinen Memoiren schreibt Maurois, dass er am 19. Juli 1946, bei seiner Rückkehr nach Neuilly, seine Bibliothek komplett ausgeräumt vorgefunden hat.[4] Bisher konnten auch nur Akten aufgefunden werden, die nachweisen, dass die Maurois nach ihren Büchern suchten.
Die Bibliothek nach 1945
Bereits vor Kriegsende hat das Ehepaar eine Liste mit den Büchern aus ihrer Bibliothek angelegt, die am 19. Januar 1945 von Maurois Tochter Michelle bei der Commission de Récupération Artistique (CRA) eingereicht wurde, und die am 19. März 1945 an die SHAEF (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force) weitergereicht wurde . Sie spricht von einer kompletten Beschlagnahme der Bibliothek im Juni 1942.[5]
Am 12. August 1946, nur drei Wochen nach Rückkehr aus den USA in die Wohnung in Neuilly, nahmen die Maurois die Suche nach ihrer Bibliothek selbst auf. André Maurois schreibt in einem Brief an das Headquarter des OMG Monuments, Fine Arts Archives Section[6], dass 45 Kisten seiner Bibliothek, die insgesamt 9.500 Bücher umfasste, am 14. Juni 1942 vom Einsatzstab (Reichsleiter) Rosenberg beschlagnahmt worden waren. Die angefügte Liste ist fast identisch mit der durch seine Tochter eingereichten Liste.
Der Restitutionsantrag der Maurois zeigte noch Ende 1946 erste Erfolge. Laut der Unterlagen der Militärregierung in Deutschland wurden am 20. Dezember 1946[7] vier Bücher im OAD aufgefunden und restituiert. Titel werden nicht genannt. Trotz des Mangels an eindeutigen Provenienzmerkmalen dokumentiert Martine Poulain in ihrer Liste von beraubten Personen in Frankreich, dass zwischen 1947 und 1950 insgesamt 1005 Bände der Maurois restituiert werden konnten.[8]
Provenienzmerkmale
Autogramm
Widmung
Widmung an Henry Torres
Ermittelte Exemplare
Digitalisierte Exemplare / Exemplarschlüsselseiten
Literatur
- Lionel Gossman: André Maurois (1885-1967) Fortunes and Misfortunes of a Moderate, Palgrave, New York 2014, 123 S.
- Jack Kolbert: The works of André Maurois . University Press, Selinsgrove 1985, 276 S.ISBN 0-941664-16-3.
- André Maurois: Journal États-Unis 1946, Editions du Bateau Ivre, Paris 1946, 290 S.
- André Maurois: Mémoires, Flammarion 1970, 525 S.
- Martine Poulain: Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous l'Occupation, Gallimard, Paris 2008.
- AUF TRANSPORT! Deutsche Stationen „sichergestellter“ jüdischer und freimaurerischer Bibliotheken aus Frankreich und den Niederlanden (1940–1949). Hameln: Niemeyer, 2005, (Lesesaal; 18).
Weblinks
- Artikel über André Maurois in der dt. Wikipedia
- Artikel über André Maurois in der fr. Wikipedia
- Artikel in der engl. Wikipedia
- Biografie André Maurois – Mitglied der Akademie Française
- Two Loves, Artikel von Sarah Bakewell über André Maurois und seine Frau Simone Arman de Caillavet, 2012
GND-Normdaten
Einzelnachweise
- ↑ Fold 3: Records of the Reparations and Restitutions Branch of the U.S. Allied Commission for Austria (USACA) Section, 1945-1950, Record group 260, roll 0036, Übersetzung aus dem Englischen Doris Antonides-Heidelmeyer, (abgerufen am 17.5.2021)
- ↑ Vgl. S. 334, André Maurois, Mémoires, Flammarion 1970
- ↑ Vgl. S. 60, Jack Kolbert: The works of André Maurois. University Press, Selinsgrove 1985
- ↑ Vgl. S. 406 André Maurois, Mémoires, Flammarion 1970
- ↑ Fold 3: Brief Madame Kap-Herr mit Liste vom 19.1.1945 Records of the Monuments, Fine Arts, and Archives (MFAA) Section of the Preparations and Restitution Branch, OMGUS, 1945-1951; Record 260, Roll 0017 (abgerufen am 17.5.2021)
- ↑ Fold 3 Records of the Monuments, Fine Arts, and Archives (MFAA) Section of the Preparations and Restitution Branch, OMGUS, 1945-1951; Record 260, Roll 0017, S. 17 (abgerufen am 17.5.2021)
- ↑ Records of the Monuments, Fine Arts, and Archives (MFAA) Section of the Preparations and Restitution Branch, OMGUS, 1945-1951; Record 260, Roll 0017, S. 13
- ↑ Liste des personnes spoliées http://www.memorialdelashoah.org/upload/minisites/bibliotheques_spoliees/ Martine Poulain datiert die Enteignung auf Februar 1942