Alfred Kantorowicz

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Alfred Kantorowicz (* 12. August 1899 in Berlin; † 27. März 1979 in Hamburg) war ein deutscher Jurist, Schriftsteller, Publizist und Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft. Er veröffentlichte seine Werke zum Teil unter dem Pseudonym Helmuth Campe.

Leben

Alfred Kantorowicz stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin. Nach dem freiwilligen Militäreinsatz im Ersten Weltkrieg begann er 1919 auf Wunsch des Vaters ein Jurastudium, das er mit der Promotion abschloss. Aus eigenem Interesse studierte er zusätzlich Germanistik. Während seiner Studienzeit in Berlin, Freiburg und Erlangen lernte er u.a. Lion Feuchtwanger und Ernst Bloch kennen, denen er sein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er als Journalist in Berlin für verschiedene linke bis liberale Blätter. In der Nachfolge Kurt Tucholskys ging er 1928 als Kulturkorrespondent für die „Vossische Zeitung“ nach Paris. Kantorowicz trat 1931 in die KPD ein und lebte als Mitglied der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz in Berlin-Wilmersdorf.

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Kantorowicz im März 1933 nach Paris. Zum ersten Jahrestag der Bücherverbrennung in Deutschland gründete Kantorowicz die Deutsche Freiheitsbibliothek. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Direktor dieser Bibliothek war Kantorowicz Generalsekretär des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS) in Paris. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges schloss er sich den Internationalen Brigaden an und arbeitete als Redakteur für deren Zeitung „Le Volontaire de la Liberté“. 1938 nach Frankreich zurückgekehrt, gelang ihm im März 1941 in letzter Sekunde die Ausreise in die USA. Den Rest des Zweiten Weltkriegs erlebte er in New York, wo er für den Rundfunksender CBS (Columbian Broadcasting System) arbeitete und so auch den früheren Berlin-Korrespondenten William L. Shirer kennenlernte.

Im Januar 1947 kehrte Kantorowicz in den Ostteil Berlins zurück und wurde 1947 Mitglied der SED. Von Juli 1947 bis Dezember 1949 gab er die literarische Zeitschrift „Ost und West“ heraus, die sich um Vermittlung zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistisch-kommunistischen Lager bemühte. Doch schon der Plan einer Lizenzierung durch alle vier Besatzungsmächte scheiterte. Nach der Gründung der DDR wurde die Zeitschrift auf Druck der SED Ende 1949 eingestellt. Stattdessen wurde Kantorowicz ab Januar 1950 an der Humboldt-Universität zum Professor mit Lehrauftrag für das Fach "Neueste deutsche Gegenwartsliteratur" berufen, 1954 erhielt er einen Lehrstuhl und 1955 wurde er Leiter des Germanistischen Instituts und Fachrichtungsleiter für Germanistik. Als Leiter des Heinrich-Mann-Archivs an der Deutschen Akademie der Künste gab er 1951 bis 1956 zwölf Bände mit ausgewählten Werken Heinrich Manns heraus.

Kantorowicz geriet zunehmend in Konflikt mit dem DDR-Regime - vielleicht auch, weil er die Emigrationszeit im Westen verbracht hatte. Am 22. August 1957 floh er schließlich zunächst in den Westen Berlins, lebte bis 1962 in München und dann bis zu seinem Tod in Hamburg. Erst 1966 wurde der Spanienkämpfer, Emigrant, Jude und Kommunist als politischer Flüchtling anerkannt.

Berliner Bibliothek

Die vorübergehende Sicherung des Wohnhauses von Alfred Kantorowicz (eine Villa in Berlin-Niederschönhausen, Wilhelm-Wolf-Str. 8) nach seiner Flucht wurde vom Polizeipräsidenten von Groß-Berlin geleitet, beteiligt waren die Volkspolizeiinspektion Pankow, das staatliche Notariat Pankow und das Volkspolizeirevier 283.

Am 26.9.1957 fand in der Wilhelm-Wolf-Str. 8 auf Veranlassung des Staatssekretärs für Hochschulwesen, Dr. Wilhelm Girnus, und des Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste, Prof. Dr. Otto Nagel, eine Wohnungsbegehung statt. Seitens des Staatssekretariats für Hochschulwesen nahm Werner Schmitt, Leiter der Abteilung Wissenschaftliche Bibliotheken, Museen und Hochschulfilm teil; die Akademie der Künste war durch Theo Piana vertreten. Außerdem waren ein Polizeiinspektor und der vom staatlichen Notariat eingesetzte Abwesenheitspfleger anwesend. "Die Besichtigung diente der Feststellung, welches Bibliotheks- und Archivgut sich in den von K[antorowicz] verlassenen Räume noch befindet".[1]

Die hinterlassene Bibliothek wurde in der von Werner Schmidt angefertigten Aktennotiz auf ca. 3.500 Bände im Wert von ca. 4.000 DM geschätzt. Nach grober Sichtung setzte er sich „aus Werkausgaben deutscher und ausländischer Schriftsteller, aus literaturwissenschafttl[icher] Fachliteratur sowie aus schöngeistiger Literatur – vornehmlich der letzten 12 Jahre - [... sowie] zahlreiche[n] Zeitschriftenjahrgänge[n] in- und ausländischer Herkunft“ zusammen. Außerdem waren Depot-Bestände des "ehemaligen Kantorowicz-Verlages" [i.e. Verlag Ost und West] vorhanden. Das Privatarchiv enthielt v.a. Korrespondenz aus der Emigrationszeit sowie seiner Professorenzeit an der Humboldt-Universität und aus dem Umfeld seiner Tätigkeit für die Deutsche Akademie der Künste.[2]

Die Vertreter des Staatssekretariates für Hochschulwesen und der Deutschen Akademie der Künste (DAK) einigten sich auf die Empfehlung, die Bibliothek als Gelehrtenbibliothek geschlossen an die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu geben; das Privatarchiv sollte der Abteilung Literaturarchive der DAK übergeben und innerhalb von 14 Tagen unter Mitarbiet eines Vertreters des Staatssekretariates durchgesehen werden, um anschließend dem Staatssekretariat, der DAK und der Deutschen Akademie der Wissenschaften "die ihre Arbeitsgebiete betreffenden Archivalien zur weiteren Verwendung zukommen zu lassen".[3] Die Depotbestände dagegen sollten vom Nachlasspfleger verkauft werden. An den Gesprächen über die zurück gelassene Bibliothek Alfred Kantorowiczs war neben dem Staatssekretariat für Hochschulwesen (Staatssekretär Girnus persönlich sowie Dr. Johannes Müller und Werner Schmidt von der Abteilung Wissenschaftliche Bibliotheken, Museen und Hochschulfilm) auch das Ministerium des Innern der DDR und damit die Staatssicherheit beteiligt.

Die zurückgelassene Bibliothek Alfred Kantorowicz' wurde dann aber an die Deutsche Staatsbibliothek (DSB) - und nicht, wie vorgesehen, an die UB der Humboldt-Universität - übergeben. Dies belegt bereits eine Empfangsbestätigung der DSB vom 25.3.1958 "über 44 Bücher aus dem Nachlaß A. Kantorowicz"[4], die an die Bibliothek der DAK geschickt wurde. Hierbei handelte es sich um Bücher aus dem Sommerhaus Kantorowicz' in Bansin, dessen Materialbestand (Schriftgut und Bücher) die DAK geschlossen übernommen hatte. Ohne dass sich bislang darüber Belege in den Akten finden ließen, muss zu diesem Zeitpunkt bereits die geschlossene Übernahme der Kantorowicz-Bibliothek durch die DSB festgelegt worden sein. Bis 2010 lagerten die Bände unbearbeitet in 62 Kisten. Nachdem geklärt war, dass die 1957 enteignete Sammlung heute tatsächlich Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist, wurden zunächst verschiedene Optionen zur Zusammenführung der Berliner Bibliothek mit dem Nachlass Kantorowicz ausgelotet. Da die SUB Hamburg aus Kapazitätsgründen eine Übernahme der Sammlung als Dauerleihgabe ablehnen musste, wurde der Bestand (tatsächlich über 3.000 Titel in ca. 4.000 Bänden) schließlich von der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek bearbeitet und erschlossen.

Statistik der auf Alfred Kantorowicz bezogenen T-PRO-Begriffe
Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO) Anzahl Exemplare
Notiz und Merkzeichen 236
Marginalie und/oder Merkzeichen 176
Notiz 23
Exemplar: Widmungsempfänger (Zum Verzeichnis der Widmungen) 79
davon zusammen mit seiner Frau Frieda Kantorowicz 7
Initiale und/oder Autogramm 36
Einlage 16


Statistik der vertretenen Sprachen und der Erscheinungsjahre
Sprache Anteil in % Erscheinungsjahre
Deutsch 82,3 1793 - 1957
Englisch 10,4 1864 - 1954
Französisch 2,0 1785 - 1956
Polnisch 0,6 1950 - 1953
Tschechisch 0,6 1946 - 1956
Schwedisch 0,5 1942 - 1948
Dänisch 0,3 1946 - 1949
Spanisch 0,3 1937 - 1945
Mehrsprachig und Varia 3,0 1826 - 1955

Hamburger Nachlass

Alfred Kantorowicz vermachte 1969 testamentarisch seinen gesamten literarischen Nachlass und seine Bibliothek der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) Hamburg. Das 1957 beschlagnahmte Privatarchiv Alfred Kantorowicz' wurde am 1. Juli 1993 von der Berliner Akademie der Künste an seine Witwe Ingrid Kantorowicz übergeben (45 Kästen mit 214 Mappen), die den gesamten Nachlass in Hamburg zusammen führen wollte und diesen Teilnachlass ebenfalls an die SUB Hamburg weiter leitete. Dieser Nachlass Kantorowicz, in dem sich auch seine im Vorfeld seiner Flucht in den Westen geretteten Tagebücher und andere Dokumente finden, wird so heute in der SUB Hamburg aufbewahrt. Zum Nachlass in der SUB Hamburg gehört seit 2012 auch die in den Jahren nach 1957 von ihm wieder aufgebaute Bibliothek.

Provenienzmerkmale

Autogramme und Initialen

Notizen und Merkzeichen

Sehr häufig - deutlich häufiger als die Kennzeichnung seiner Bücher mit Namen oder Intialen - sind in der Berliner Bibliothek Arbeits- und Lesespuren zu finden. Typisch für Kantorowicz sind notierte Seitenzahlen auf dem Vorsatz, ggf. auch auf dem Spiegel oder leeren Seiten, mit und ohne dazu geschriebener Stichworte. Im Text finden sich fast immer auf den entsprechenden Seiten Unterstreichungen, die am Rand mit ein oder zwei Kreuzen bezeichnet sind. Geschrieben wurden diese Notizen und Merkzeichen mit Bleistift.

Adress-Etikett aus der Exilzeit in New York

Ermittelte Exemplare

Staatsbibliothek zu Berlin

Eingearbeitete Exemplare aus der Berliner Bibliothek (ca. 1.250 Titel):

Der Gesamtbestand (3.045 Titel) der Berliner Bibliothek wurde vor der weiteren Bearbeitung in einer Excel-Liste erfasst. Alle Exemplare der Sammlung, die Provenienzspuren von Kantorowicz aufweisen, wurden in den Bestand der SBB eingearbeitet. Darüber hinaus wurden Titel eingearbeitet, die bisher nicht in der SBB vorhanden waren. Die restlichen Bände wurden ausgesondert.

Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

Handschriftlicher Nachlass von Alfred Kantorowicz:

Literatur

  • Ewald Birr: Ost und West. Berlin 1947-1949.Bibliographie einer Zeitschrift, München u.a. 1993 (Analytische Bibliographien deutschsprachiger literarischer Zeitschriften 14). ISBN 3-598-11141-X
  • Michael Klein: Der Alfred Kantorowicz Verlag - ein vergessener Verlag der Nachkriegszeit, in: Marginalien 226 (2017,3), S. 49-68.
  • Zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung. Ansprachen anläßlich der Gedenkveranstaltung am 10. Mai 1983 im großen Festsaal des Hamburger Rathauses und eine Dokumentation der Ausstellung Alfred Kantorowicz, Photographien, Tagebuchauszüge und Briefe in den Räumen der freien Akademie der Künste in Hamburg, Hamburg 1983 (Schriften der Freien Akademie der Künste in Hamburg 8).

Weblinks

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Akademie der Künste Berlin, Archiv, Aktennotiz Werner Schmidt 26.09.1957.
  2. Akademie der Künste Berlin, Archiv, Aktennotiz Werner Schmidt 26.09.1957.
  3. Akademie der Künste Berlin, Archiv, Aktennotiz Werner Schmidt 26.09.1957.
  4. Akademie der Künste Berlin, Archiv, DSB, i.A. Blume, an DAK, Bibliothek, 18.04.1958, Anschreiben zur Empfangsbestätigung vom 25.3.58.