Gesellschaft für Deutsche Literatur. Bibliothek Deutscher Privat- und Manuskriptdrucke

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Die von Max Herrmann initiierte Bibliothek Deutscher Privat- und Manuskriptdrucke wurde 1897 gegründet und sollte erstmals systematisch die in Deutschland erscheinende "graue" Literatur und insbesondere als Manuskript gedruckte Bühnenstücke sammeln und archivieren.

Geschichte

Die Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke (BdPM) wurde 1897 auf Vorschlag des Theaterwissenschaftlers Max Herrmann (1865-1942) unter der Trägerschaft der Berliner Gesellschaft für deutsche Literatur (GfdL) begründet und bis 1938 von der Gesellschaft verwaltet. Die Bibliothek war angelegt als umfangreiche Sammlung von „grauer“ Literatur, und enthielt u. a. Festreden, politische Pamphlete oder Veröffentlichungen von Firmen. Derlei Drucke wurden von Privatpersonen oder Firmen häufig im Selbstverlag in kleinen und kleinsten Auflagen gedruckt. Bühnen-Manuskriptdrucke („den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt“) wurden Theatern zum Teil von den Autoren, zum Teil von Theaterverlagen zur Ansicht zur Verfügung gestellt. Sowohl Privat- als auch Manuskriptdrucke wurden bis zur Gründung der BdPM nicht systematisch gesammelt. Bereits 1898/99 erging ein Rundschreiben der Gesellschaft an Autoren, Bühnenleitungen und Theateragenturen mit der Aufforderung zum Abliefern von Drucken an die BdPM. In diesen ersten beiden Jahren kamen so bereits 2.200 Stücke und andere Drucke für die BdPM zusammen, 1908 waren es bereits 10.000 Drucke und 1922 wird der Gesamtbestand auf 14.000 Drucke beziffert. Der promovierte Germanist und seit 1902 zunächst an der Universitätsbibliothek, seit 1906 an der Bibliothek des Auswärtigen Amtes tätige Johann Sass (1867-1951) unterstützte Max Herrmann bei der Verwaltung und Katalogisierung der Bestände.

Seit 1903 war die Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin aufgestellt, ein entsprechender Vertrag mit der Gesellschaft für deutsche Literatur wurde am 5. Januar 1906 geschlossen. Die BdPM stand als geschlossene Sammlung separat und wurde weiterhin durch die GfdL verwaltet. Die Nutzung der BdPM war Wissenschaftlern mit schriftlicher Empfehlung durch ein Mitglied der GfdL vorbehalten. Der Jahresbericht der Königlichen Bibliothek für das Jahr 1905/06 enthält neben einer Benutzungsordnung für die BdPM auch den Depositalvertrag zwischen der Königlichen Bibliothek und der Gesellschaft für deutsche Literatur. Darin verpflichtete sich die Königliche Bibliothek dazu, den Aufbau der Sammlung mit jährlich 500 Mark zu unterstützen, im Gegenzug sollte die BdPM dauerhaft in der Königlichen Bibliothek verbleiben. Neben der Erwerbung durch Kauf aus Mitteln der Königlichen Bibliothek und der GfdL wuchs die BdPM in nicht unerheblichem Maße auch durch Schenkungen. In den Jahren bis 1938 erreichte die Sammlung damit eine beachtliche Größe, die Angaben verschiedener Quellen bewegen sich zwischen 15.000 und 17.000 Drucken.

Die Bühnendrucke stammten u.a. aus den Sammlungen von Theatern und sind zum Teil für Inszenierungen genutzt worden. In den heute noch erhaltenen Bänden finden sich oft handschriftliche Anmerkungen und Streichvermerke, die Rückschlüsse auf die Aufführungspraxis erlauben. Darüber hinaus finden sich in einigen Drucken auch Aufführungsgenehmigungen und Eingriffe der Zensurbehörden.

Am 17. Oktober 1938 sah sich die Gesellschaft für deutsche Literatur aufgrund der politischen Verhältnisse zur Selbstauflösung gezwungen. Die Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke wurde daraufhin am 1. Dezember 1938 auf Grundlage des Depositalvertrags in das Eigentum der Preußischen Staatsbibliothek übernommen. Am 1. April 1939 (gleichzeitig der Anfang des Geschäftsjahres) begann die Staatsbibliothek mit der Einarbeitung zunächst der Bühnen-Manuskriptdrucke aus der Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke in den eigenen Bestand. Hierzu erfolgte ein Sammeleintrag im Akzessionsjournal Dona Deutsch unter "D 1939.1" (in den Bänden wurde bei dieser Zugangsnummer dann noch eine laufende Nummer hinzugesetzt), dem eine handschriftliche Erläuterung zum Geschäftsgang beigebunden wurde. Die endgültige Zahl der akzessionierten Titel sollte am Ende der Bearbeitung eingetragen werden, doch dazu kam es aufgrund der Kriegsereignisse nicht. Etwa 700 Titel der Bühnendrucke (Autoren A bis Böhm, Martin) wurden bis gegen Ende 1939 bearbeitet, mit Etiketten zur Provenienz (auf denen auch die Zugangsnummer eingetragen wurde) und mit der Signatur Yp 5005 sowie der bereits bei der Akzession verwendeten laufenden Nummer versehen. Diese Nummer wurde auch in Gold auf die wohl bereits vorhandenen schwarzen Pappeinbände geprägt sowie ein ovales Signaturenschild mit Yp 5005 und das bereits damals verwendete rote R-Schild für die Rara-Sammlung aufgeklebt.

Im Alten Realkatalog (Sachstelle "Drama, Sammlung") lässt sich der Fortgang der Bearbeitung genau nachvollziehen: Unter der Signatur "Yp 5005- ..." sind nur die Nummern 1-647 und dann noch 775-804 eingetragen, gelegentlich wurden Titel nachträglich mit dem Zusatz "A", "B" etc. in die Nummernfolge eingeschoben. Nur die hier eingetragenen Nummern sind auch katalogisiert worden, allerdings zeigt der Vergleich mit dem alphabetischen Zettelkatalog der BdPM, dass die dort (zusammen mit anderen Bearbeitungsvermerken der Preußischen Staatsbibliothek) jeweils mit Bleistift eingetragenen laufenden Nummern mit den Titeln der Signaturen Yp 5005-639 bis Yp 5005-647 nicht übereinstimmen; warum die Nummern 648-774 zum damaligen Zeitpunkt nicht weiter bearbeitet werden konnten, ist unklar. Mit Nummer 804 bricht die Bearbeitung ab, die damit im Autorenalphabet nur von Hans Abele bis Martin Böhm reichte. Lediglich die laufenden Nummern sind im Zettelkatalog der Bühnendrucke noch bis zum Ende des Buchstabens B eingetragen worden (bis Nummer 1061). Eine bis Nummer 386 reichende Statistik am Anfang des Zettelkatalogs belegt, dass damals bereits ca. 10% der Drucke nicht gefunden werden konnten und außerdem ca. 20% dublett zum Bestand der Preußischen Staatsbibliothek waren. Vermerke in den erhaltenen Exemplaren ("2. Ex. ...") lassen vermuten, dass hier entgegen der sonst üblichen Praxis Dubletten nicht ausgesondert wurden.

Aus dem Jahresbericht der Preußischen Staatsbibliothek 1938: „Als literarisch bedeutsamster Zugang ist die einzigartige „Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke“ zu nennen, die bisher der „Gesellschaft für deutsche Literatur“ in Berlin gehörte. Von den rund 15000 Stücken, die die Sammlung umfasst, sind ungefähr 10000 Stücke Dramen; sie waren bisher zu 80% in der Staatsbibliothek nicht vorhanden. So ergänzen diese Manuskriptdrucke ausgezeichnet die reichen Bestände der Bibliothek an Dramen, die im Buchhandel erhältlich waren. Für die Geschichte des deutschen Dramas und Theaters der letzten hundert Jahre sind die Drucke auch darum von großer Bedeutung, weil viele von ihnen als Regiebücher gedient haben und in den Streichungen und Zusätzen, die sie aufweisen, ein anschauliches Bild von den Aufführungen der Dramen geben. Große Seltenheiten, wie Gerhard Hauptmanns „Helios“, sind vertreten. Die „Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke“, mit deren Bearbeitung begonnen worden ist, wird geschlossen aufgestellt und der Benutzung zu wissenschaftlichen Zwecken vorbehalten bleiben.“

Provenienzmerkmale

Stempel der Gesellschaft für Deutsche Literatur und typische Einbände der BdPM

Etikett mit Zugangsnummer und Signaturenstempel der Preußischen Staatsbibliothek

Katalog der BdPM

Der Zettelkatalog der BdPM ist vollständig in der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin erhalten (insgesamt 14 Kästen mit ca. 19.000 Katalogkarten inkl. Verweisungskarten).

Katalogteile:

  • Bühnenstücke A - Z (7 Kästen)
  • Privatdrucke A - Z (4 Kästen)
  • Nachträge (2 Kästen. Die „Nachträge“ enthalten vermutlich nur Privatdrucke, sowie Hinweise auf einen begonnenen Sachkatalog)
  • Material für Bibliographie (1 Kasten mit ca. 1.560 Karten)


NS-Raubgut

Der aus der erzwungenen Auflösung der Gesellschaft für deutsche Literatur resultierende Eigentumsübergang der BdPM an die Preußische Staatsbibliothek ist auf jeden Fall als verfolgungsbedingter Verlust zu betrachten. Zwar wäre die Bibliothek laut Vertrag von 1906 bei Auflösung der Gesellschaft für deutsche Literatur an die Königliche Bibliothek (bzw. die Staatsbibliothek) gefallen; allerdings konnte der Verein über den Zeitpunkt der Auflösung und damit auch über den Zeitpunkt des Eigentumsübergangs nicht mehr frei entscheiden. Unter anderen Umständen wäre auch denkbar gewesen, dass der Verein und die Bibliothek den Vertrag irgendwann rückabgewickelt hätten und es zu einer ganz anderen Regelung gekommen wäre - auch diese Entscheidungsfreiheit wurde dem Verein genommen.

Da es keinen Rechtsnachfolger für die Gesellschaft für deutsche Literatur gibt, erscheint eine Restitution in diesem Fall nicht möglich.
Im Sinne der Initiative Max Herrmanns dürfte es sein, dass die erhaltenen Reste der Sammlung und der vollständig erhaltene Katalog der Forschung in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz unter besten Bedingungen zur Verfügung stehen.

Ermittelte Exemplare

Noch lange vor dem Abschluss der Bearbeitung in der Preußischen Staatsbibliothek wurde der größte Teil der BdPM während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert, unter anderem nach Schloss Billerbeck (im heutigen Nadarzyn in der polnischen Woiwodschaft Westpommern). Für den überwiegenden Teil des Bestands verliert sich damit jede Spur. Nur ein Teil der bereits eingearbeiteten Bühnendrucke ist noch erhalten, der Verbleib des kompletten Sammlungsteils der Privatdrucke ist ungeklärt.

Von einst über 15.000 Drucken sind so nur knapp 700 Bühnen-Manuskriptdrucke heute im Online-Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin nachgewiesen (insgesamt 684 gedruckte Bände mit 686 Werken in 687 Exemplaren sowie 3 Handschriften), von denen ca. 350 Drucke in der Rara-Sammlung der Abteilung Historische Drucke unter der Signatur Yp 5005-... erhalten sind (348 Bände mit 349 Werken in 350 Exemplaren). Drei Handschriften mit Werken von Louis Angely befinden sich heute in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek (Ms. germ. oct. 801-803).

Der ursprüngliche Bestand lässt sich abgesehen von diesem kleinen Teil katalogisierter bzw. erhaltener Exemplare nur noch anhand der erhaltenen Zettelkataloge der BdPM nachvollziehen.

Quellen

Literatur

  • Martin Hollender: „Mamsell Uebermuth“, „Vetter Waldemar“ und „Adieu Käthchen“: Die „Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke“, BibliotheksMagazin 2012,2, S. 23-26. Online-Ausgabe
  • Martin Hollender: Der Berliner Germanist und Theaterwissenschaftler Max Herrmann (1865 - 1942). Leben und Werk, Berlin 2013 (Beiträge aus der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz 42).
  • Hans Knudsen: Die Bibliothek deutscher Privat- und Manuskriptdrucke. Das literarische Echo 21(3), Sp. 151-154.
  • Hans-Harald Müller u. Mirko Nottscheid: Wissenschaft ohne Universität, Forschung ohne Staat. Die Berliner Gesellschaft für deutsche Literatur (1888-1938), Berlin 2011.

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