Bibliothek Sofia Albertina von Schweden

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Die Bibliothek Sofia Albertina von Schweden (sog. Prinzessinnenbibliothek) war die Privatbibliothek der schwedischen Prinzessin und letzten Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg Sofia Albertina (1753-1829), in der auch Teile der Büchersammlungen ihrer Mutter und Großmutter enthalten sind. Die einmalige Sammlung ist ein über drei Generationen gewachsenes Dokument des Leseverhaltens von Frauen aus dem europäischen Hochadel im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert.

Geschichte

Prinzessin Sofia Albertina von Schweden als Sammlerin

Sofia Albertina baute ihre Bibliothek aus ererbten Büchern ihrer Großmutter Sophie Dorothea (1687-1757) und ihrer Mutter Luise Ulrike (1720-1782) sowie eigenen Erwerbungen auf. Zwei Bände aus der Sammlung stammen ursprünglich aus dem Besitz von Sophie Charlotte (1668-1705), der Mutter des Soldatenkönigs und Urgroßmutter Sofia Albertinas. Auch einige Bücher ihrer Schwägerin Hedwig Elisabeth Charlotte (1759-1818), einer Tochter des Herzogs Friedrich August von Holstein-Gottorp und Gemahlin des schwedischen Königs Karl XIII., finden sich in der Sammlung.

So werden als Teilsammlungen die privaten Büchersammlungen der Mutter Friedrichs des Großen, der aus dem Haus Hannover stammenden preußischen Königin Sophie Dorothea und ihrer Tochter Luise Ulrike, der Schwester Friedrichs, greifbar. Luise Ulrike heiratete 1744 den schwedischen Kronprinzen Adolf Friedrich, der 1751 zum schwedischen König gewählt wurde. Die geistvolle und kunstsinnige Luise Ulrike hielt als schwedische Königin in ihrem Schloss in Drottningholm einen glänzenden Hof, der deutlich französischem Vorbild folgte. Auch das Verhältnis zu ihrem Bruder Friedrich war eng, wie der Briefwechsel zeigt. Während die offiziellen Sammlungen auf Schloss Drottningholm nach dem Tod Adolf Friedrichs 1777 von seinem Nachfolger Gustaf III. eingezogen wurden und sich deshalb heute in staatlichem Besitz befinden, konnte Luise Ulrike über ihre private Büchersammlung offenbar weiterhin bestimmen.

Luise Ulrikes einzige Tochter, die schwedische Prinzessin Sofia Albertina wurde - nachdem verschiedene Eheprojekte gescheitert waren - 1767 zur Koadjutorin des evangelischen Reichsstifts Quedlinburg gewählt und trat zwanzig Jahre später die Nachfolge ihrer Tante, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen Anna Amalia (1723-1787), als Äbtissin an. Am 15. Oktober 1787 wurde Sofia Albertina als Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg feierlich installiert. Neben sozialen Projekten iniitiierte sie als Äbtissin ein kleines Hoftheater, das erste Theater in Quedlinburg. Bereits ab 1790 hielt sich Sofia Albertina wieder hauptsächlich in Schweden auf, 1803 kehrte sie - nach der Aufhebung des Stifts durch den Reichsdeputationshauptschluss und der Zuordnung Quedlinburgs zum Königreich Preußen - endgültig nach Schweden zurück. Zu der neuen schwedischen Königsdynastie Bernadotte, die nach dem Sturz von Sofia Albertinas Neffen Gustaf IV. Adolf und der Thronbesteigung ihres kinderlosen Bruders Karl XIII. seit 1810 per Adoption zur Nachfolge ausersehen war, pflegte sie als „letzte des Hauses Wasa“ ein freundschaftliches Verhältnis.

Sofia Albertina investierte erhebliche Summen in Neuerwerbungen für ihre Bibliothek. So erhielt sie mehrmals jährlich Büchersendungen im Wert von 400 bis 600 Reichstalern aus Paris. Auch während ihres Aufenthaltes in Quedlinburg sind Buchankäufe belegt, ebenso während ihrer Italienreise 1792/1793. So befand sich auch ein - heute nicht mehr vorhandenes - Exemplar der von Francesco Piranesi 1784 veranstalteten Neuausgabe des druckgraphischen Meisterwerks "Le antichità romane" seines Vaters Giambattista Piranesi in der Bibliothek Sofia Albertinas. Diese Piranesi-Ausgabe von 1784 ist dem damals Italien bereisenden schwedischen König Gustaf III., dem Bruder Sofia Albertinas, gewidmet.

Die Stenbocksche Fideikommissbibliothek

Prinzessin Sofia Albertina von Schweden starb am 17. März 1829 unverheiratet und kinderlos. In ihrem Testament hatte sie ihre Oberhofmeisterin Gräfin Lolotte Stenbock, geb. Forssberg (1766-1840) - vermutlich die natürliche Tochter König Adolf Friedrichs und damit ihre Halbschwester - und deren einzigen Sohn Magnus Stenbock (1800-1871) als Universalerben eingesetzt. Ihre Bibliothek mit "Estampen und Portefeuilles" sowie Schränken und "Porträts der gelehrten Frauenzimmer" sollte nach dem Tod von Lolotte Stenbock ungeteilt als Fideikomiss an Magnus und die männliche Linie der Stenbocks übergehen.

Graf Magnus Stenbock übertrug die Fideikommissbibliothek, die er in seiner Villa Thorsjö in Schonen nie recht unterbringen konnte, 1866 an seinen vierten Sohn, den Diplomaten Otto Stenbock (1838-1915). Dieser stellte die Bibliothek 1904-1915 in seinem Haus auf der Stockholmer Halbinsel Blasieholmen auf, nachdem er von seinen diplomatischen Missionen nach Schweden zurück gekehrt war. Nach Otto Stenbocks Tod kehrte seine Witwe Clementine de Reuter (1855-1941) mit der Bibliothek in ihre Heimat England zurück und heiratete 1920 Sir Herbert Chermside. Ihr einziger Sohn Erik Stenbock (1876-1933) starb vor ihr und so fiel die Bibliothek an den Großneffen Otto Stenbocks, Graf Albert Gustaf Hugo Stenbock (1899-1947). Als der Erbprinz Gustaf Adolf von Schweden am 26. Januar 1947 von einer Wildschweinjagd in den Niederlanden von Amsterdam nach Schweden zurückflog, wurde er von seinem Sekretär, dem Adjutanten und Hofjägermeister Albert Gustaf Hugo Stenbock begleitet. Nach einer Zwischenlandung in Kastrup (bei Kopenhagen) kam es beim erneuten Start zur Flugzeugkatastrophe von Kastrup, die keiner der Passagiere überlebte.

Albert Stenbocks Sohn und Erbe, der Gutsbesitzer Graf Gustaf Otto Stenbock (1925-1988), übergab die Bibliothek 1947 als Depositum an das Nordische Museum in Stockholm, wo sie bis 1985 in einem Gebäude des Freilichtmuseums Skansen präsentiert wurde.

In dem Bibliotheksraum im Tottieska Malmgården, einem Patrizierhaus in Skansen, hingen auch noch die zur Bibliothek gehörenden 12 Porträts aus dem Besitz Luise Ulrikes, meist Kopien aus dem 18. Jahrhundert (die zum Vermächtnis gehörenden Bücherschränke und andere Ausstattungsstücke waren dagegen nicht mehr vorhanden[1]). Dargestellt waren ausschließlich französische "gelehrte Frauenzimmer", die während der Regierung Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. führende Rollen in den literarischen Salons gespielt hatten:

  • Madeleine de Scudéry (1609-1701)
  • Ninon de Lenclos (1620-1705)
  • Françoise de Motteville (1621-1689)
  • Marie de Sévigné (1626-1696)
  • Marie Madeleine de la Fayette (1634-1693)
  • Hortense Desjardins,dite Madame de Villedieu (1640-1692)
  • Antoinette Deshoulières (1638-1694)
  • Anne-Thérèse de Lambert (1644-1733)
  • Françoise de Grignan (1646-1705)
  • Anne Dacier (1651-1720)
  • Pauline de Simiane (1674-1737)
  • Gabrielle de Chatelet (1706-1749)


Gustaf Otto Stenbock, der mit Baroness Ebba Falkenberg (1925-2005) verheiratet war und zwei Töchter hatte, starb ohne männliche Nachkommen. Damit war der von Sofia Albertina errichtete Fideikommiss erloschen und die Sammlung wurde schließlich geschlossen verkauft.
Im Oktober 2016 konnte die Sammlung durch die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg von Percy Barnevik angekauft werden.

Provenienzmerkmale

Provenienzmerkmale von Titel Bände
Sophie Charlotte und Sophie Dorothea 1 2
Sophie Dorothea 74 115
Sophie Dorothea und Luise Ulrike 3 3
Luise Ulrike 174 368
Luise Ulrike und Sofia Albertina 204 814
Sofia Albertina 447 1.418
Hedwig Elisabeth Charlotte 8 39
Sonstige 634 1.586

Inhalt

"Frauenzeitschrift" aus dem Besitz Sofia Albertinas (Journal des Dames et des Modes)

Es handelt sich um insgesamt 1.545 Titel in rund 4.500 Bänden. Neben der Belletristik (hier vor allem Romane) dominieren fachlich-thematisch die Bereiche Geschichte, Biographien, Memoiren und Briefausgaben neben zahlreichen Hofkalendern und etlichen Werken der Reiseliteratur. Ergänzend finden sich Tafelwerke, Graphikmappen und einzelne Handschriften.

Zeittypisch ist die ganz deutliche Bevorzugung der französischen Sprache; nur jeweils etwa 5% der Bücher sind in deutscher bzw. schwedischer Sprache gedruckt. Bei den französischen Werken handelt es sich nicht nur um französische Originalausgaben sondern in großer Zahl auch um Übersetzungen aus dem Englischen (darunter Daniel Defoe, Jonathan Swift, Walter Scott, Lord Byron sowie noch aus den 1820er Jahren Fenimore Coopers "Letzter Mohikaner") und aus dem Deutschen (Goethe und Schiller, Geßner, Klopstock und Wieland). Lediglich Fieldings "Tom Jones" ist im englischen Original vertreten.

Eine völlig eigene Gruppe bilden dreizehn unikale, auf Seide gedruckte Huldigungsschriften des Magistrats und der Gilden von Quedlinburg an Prinzessin Sofia Albertina anlässlich ihres Einzugs als Äbtissin in das Reichsstift Quedlinburg (1787).

Insgesamt verteilen sich die Erscheinungsjahre der Drucke auf das 17.-19. Jahrhundert:

  • Drucke des 17. Jahrhunderts: 34 Titel in 40 Bänden
  • Drucke des 18. Jahrhunderts: 1.265 Titel in 2.889 Bänden
  • Drucke des 19. Jahrhunderts: 246 Titel in 1.408 Bänden

Von den im Nachlassinventar von 1829 verzeichneten Büchern fehlten bereits 1967 ca. 700 Bände. Andererseits waren etliche Hundert Bände vorhanden, die nicht im Inventar verzeichnet waren, obwohl sie zum Buchbesitz Sofia Albertinas gehörten. Die zur Bibliothek gehörenden Graphiken, Lithographien und Mappenwerke sind nur zu einem kleinen Teil heute noch in der Sammlung vorhanden, auch die Porträts aus dem Bibliothekszimmer sind nicht nach Berlin gelangt.

Der größere Teil der Archivalien und Handschriften aus der Sammlung wurde 1867 zusammen mit dem Stenbock'schen Thorsjö-Archiv von Carl Jedvard Bonde (1813-1895) aus Eriksberg erworben.

Nicht in vollem Umfang erhalten sind schließlich die von der Sammlerin in großer Anzahl abonnierten - und vermutlich intensiv gelesenen - französischen Journale und Zeitungen.

Kataloge

Der erste Katalog der Sammlung entstand erst nach Sofia Albertinas Tod. 1829 erfasste der Bibliothekar der Universitätsbibliothek Uppsala, J. H. Schröder, bis zum 3. Sept. den Großteil ihrer Bücher (1.263 Nummern) in einem thematisch geordneten Katalog, der als Teil des Nachlassinventars Sofia Albertinas im schwedischen Reichsarchiv erhalten ist.

Katalog des Nordischen Museums (ca. 1950):
Um 1950 wurden die Bücher vom Nordischen Museum in Stockholm (Nordiska museet) bzw. dem diesem zugeordneten Freilichtmuseum Skansen (Stiftelsen Skansen) katalogisiert, während die Sammlung als Depositum im Tottieska Malmgården, einem Patrizierhaus in Skansen, aufgestellt war (1947-1985). Dabei wurden auf Papierstreifen eingetragene Nummernsignaturen in die Bände eingelegt. Die Reihenfolge richtet sich nach dem in Fachgruppen eingeteilten Katalog beim Nachlassinventar von 1829, allerdings wurden der schwedische Bestand und die Tafelwerke separat aufgestellt. Der aus zwei alphabetisch geordneten Zettelkästen bestehende Katalog befindet sich ebenfalls in der heutigen Sammlung.

Katalog von Mats Rehnström (nach 2000):

  • Prinsessan Sofia Albertinas bibliotek. Bilagor. [enthält als Beilage 5 einen masch. Katalog der Sammlung in acht nach den Vorprovenienzen gegliederten Abteilungen, erarbeitet von Mats Rehnström, nach 2000].

Der Ordnung dieses Kataloges folgt die heutige Aufstellung der Sammlung nach Provenienzgruppen.

Ermittelte Exemplare

Staatsbibliothek zu Berlin:

Literatur

  • C. M. Carlander, Svenska bibliotek och Ex-libris, 2. Aufl., 6 Bände, Stockholm 1904, hier Bd. 1, S. 26 f.
  • Sam Owen Jansson, Die Stenbocksche Fideikomissbibliotek, in: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft 10.1967, S. 94-98.
  • Merit Laine, An Eighteenth-Century Minerva: Lovisa Ulrika and her Collections at Drottningholm Palace 1744-1777, in: Eighteenth-Century Studies 31.4 (1998), S. 493-503.
  • Mats Rehnström, Sofia Albertinas bibliotek, in: Biblis N.R. 3.2000, Nr. 10, S. 3-16.

Siehe auch

GND-Normdaten

Einzelnachweise

  1. Nach Rehnström, S. 5, besaß der bekannte schwedische Bibliophile Bengt Bernström zwei der acht Bücherschränke der Prinzessin und mindestens einen Band aus ihrer Bibliothek. In einer Beschreibung von Bernströms Büchersammlung findet sich eine Abbildung der Bücherschränke, vgl. Bokvännen 4.1969, S. 88.